Das Lexikon der Absonderlichen Arten – Christkind

Ihr dachtet, der Krampus sei das Gruseligste, was den Österreichern zum Thema Weihnachten eingefallen ist? Nun ja – das gilt nicht für DIESE Österreicherin.

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Christkind, das:

Normalerweise gutartige Entität, die einmal im Jahr Bestechungen ausliefert, um das Wohlverhalten der Kinder für ein weiters Jahr zu erkaufen. Tritt meist in Gestalt eines kleinen Kindes oder einer jungen Frau auf und gilt weitgehend als friedfertig – mit einer Ausnahme. Wenn man nämlich in Hörweite des Christkinds den Namen seines Erzfeindes auch nur AUSSRPICHT, dann fließt Blut.

Niemand weiß, wie die Feindschaft mit dem Weihnachtsmann begonnen hat, aber seit mehr als zwei Jahrhunderten schon kämpfen sie erbittert um jeden Zentimeter Boden, um jede Kinderseele. Dabei sind den Kontrahenten alle Mittel recht, sei es vergifteter Glühwein, Stacheldraht-Lichterketten oder explodierende Christbaumkugeln. Nicht einmal vor Folter schrecken sie zurück.

2001 geriet beispielsweise der Erzengel Nathanael in einen Hinterhalt des santaclausschen Lagers und wurde fast den gesamten Advent über am Nordpol gefangen gehalten. Schließlich gelang es dem Christkind und seinen Leuten, Rudolf das Rentier in eine Falle zu locken und einen…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 46 – Der Ruf, Teil 21

Weiter geht es mit der Geschichte vom „Ruf“. Nach dem Ausflug nach „Anderswo“ gestern kehren wir zurück ins Wohnzimmer, wo sich die Eingeschlossenen einem ebenso banalen wie bedeutenden Problem stellen. Für jemanden, der mit Paruresis (vulgo: schüchterne Blase) birgt die heutige Episode einen Horror, den fröhliche Freipinkler gar nicht ermessen können. 😉

Wie in Österreich ist jetzt auch in Deutschland das Ende der ersten harten Kontaktvermeidungsphase abzusehen. Wollen wir hoffen, dass es gereicht hat. Nachdem Sarah gestern versprochen hat, mit ihren täglichen Geschichten weiter zu machen, bis auch wir Deutsche uns wieder frei bewegen können (Danke, Beste. :-* ), verspreche ich Euch heute auch etwas: Sollte die Kontaktsperre enden, bevor ich hier mit „Der Ruf“ fertig bin, erzähle ich Euch die Geschichte auf jeden Fall noch zu Ende.

Heute geht es erstmal so weiter:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15

Der Ruf – Teil 16

Der Ruf – Teil 17

Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19

Der Ruf – Teil 20

Der Ruf – Teil 21

Im Haus, gegen 13.30 Uhr

Sie hatten fast eineinhalb Stunden konzentriert und verbissen gearbeitet, nun betrachteten sie ihr Werk. Alle Öffnungen, durch die die Insekten theoretisch eindringen konnten, waren verschlossen. Sie hatten Kleidung zerrissen, die Stücke mit Wasser getränkt, um sie formbarer zu machen und dann mit Haarspray eingesprüht, um den Tieren die Lust zu nehmen, sich durchzufressen. Dann hatten sie die Stofffetzen unter die Ritzen der gefährlichen Türen gestopft – der Küchentür und der Verbindung vom Schlafzimmer zum Flur. Ebenso hatten sie die Lüftungsklappe gefüllt, durch die das Wohnzimmer mit der Heizung in der ersten Etage verbunden war und den Rauchabzug des Kamins abgedichtet. Nur die Tür vom Wohnzimmer zum Flur hatten sie noch nicht verstopft. Sie wollten sich die Möglichkeit ins Bad – und somit zu Wasser und Toilette – zu gelangen so lange wie möglich offen halten. Maike hatte wieder die Fensterwache übernommen, Britt hatte bei der Absicherung der Türen geholfen. Ihr Knie schmerzte höllisch. Aber sie würde es den anderen nicht sagen. Nicht, bevor sie nicht wusste, dass sie ihnen mit Pflege weniger zur Last fallen würde, als ohne. Ihr kühler Sachverstand analysierte die Verletzung hin und wieder und meldete den aktuellen Stand an den Teil des Gehirns, der versuchte mit diesem Alptraum fertig zu werden. Im Moment meldete er, dass sie noch ein paar Stunden würde stehen und gehen können. Er empfahl, die anderen wenn möglich einige Zeit vorher über die Schwere ihrer Verletzung zu informieren, damit sie sich ausruhen und die wenigen Reserven, die sie hatte, schonen konnte. Sollte der Moment kommen, dass sie rennen musste um sich oder die anderen zu retten, gab der Sachverstand einige Meter unter großen Schmerzen, bevor sie zusammenbrechen würde. Sollte sie dann noch leben, würde man sie tragen müssen. Britt lächelte bitter bei diesem Gedanken. Wenn der Preis für ihr Überleben ein Gelenk sein würde, sie würde ihn gerne bezahlen. Im Moment sah es allerdings nicht so aus, als würde irgend jemand ihr diesen verlockenden Handel anbieten. Sie spürte, wie Philip seinen Arm um ihre Hüfte legte und kuschelte sich an ihn. Er sah sie an.

„Was ist?“, fragte er leise.

„Nichts.“

„Welche Art von Nichts?“

Sie lächelte. „Wirklich nichts. Hört sich blöd an, aber im Moment bin ich ganz zufrieden. Ich glaube, unsere Abdichtungsaktion bringt was. Ich frage mich nur, wann jemand kommt, um uns hier raus zu holen. Vor Montag vermisst uns keiner.“

„Ich glaube, wir müssen nur warten, bis es Nacht wird.“

„Hoffentlich.“ Sie verlagerte ihr Gewicht und stütze sich ein wenig auf Philip Schulter. Er schenkte ihr einen besorgten Blick.

„Wie geht es Deinem Knie?“

„Geht schon. Tut nur etwas weh, ich bin ja die ganze Zeit hier rumgelaufen.“

„Willst Du Dich setzen?“

„Ja, vielleicht.“

Er stützte sie mit so übertriebener Vorsicht, dass sie ihr Humpeln wie freundlichen Spott wirken lassen konnte. Philip lachte, hob sie leicht an und trug sie die letzten Meter, bevor er sie in das Sofa setzte. Britt war froh, verschleiern zu können, wie weh das Gehen ihr wirklich tat. Die anderen setzten sich zu ihnen, ausgenommen Maike, die immer noch auf den Garten achtete. Die Spannung löste sich und während sie auschnauften, begann Bastian plötzlich zu lachen. Er steckte die anderen an, bis er selbst, Justus, Maike, Philip und Britt brüllten vor Gelächter und den Tränen nahe waren. Selbst Sabine ließ ein giggelndes Kichern hören und Markus lächelte still und verhalten. Schließlich beherrschte Justus sich und wischte sich die Augen. Er schaute in die Runde. „Was zum Teufel ist so lustig?“

Das löste eine weitere Explosion aus, diesmal bei Philip, und wieder lachten sie, wild und hysterisch, bis es schmerzte. Dann war es zu Ende und außer einem leichten Schniefen oder Prusten hier und da hatten sie sich gefangen. Sie fühlten sich besser. Grundlos, aber immerhin.

„Gut“, sagte Britt schließlich und versteckte ein letztes Lachen in einem Huster. „Gut, also, was machen wir jetzt?“

„Keine Ahnung“, sagte Bastian. „Hat jemand einen Vorschlag?“

Sie dachten einen Moment nach.

„Ich glaube“, sagte Philip schließlich, „wir sollten tatsächlich alle nochmal aufs Klo gehen. So doof das klingt. Die Viecher müssten inzwischen fast um die Ecke im Flur sein. Und je nachdem, wie lange wir hier eingeschlossen sind …“ Er sah die anderen unsicher an. „Ich meine …“

„Schon klar“, unterbrach Maike ihn vom Fenster. „Du hast recht. In ein paar Stunden werden wir es gar nicht mehr witzig finden. Und wir sollten mehr frisches Wasser holen.“

Justus nickte. „Wie machen wir’s?“

„Der Reihe nach.“ Philip sah ihn an. „Wir beide gehen wieder zuerst. Ich gehe ins Bad, Du sicherst. Dann gehst Du und ich sichere. Dann kommt der Nächste.“

„Und wer sichert den?“, fragte Britt.

„Ich, ich sichere alle, die dann noch kommen“, sagte Philip.

Sie sah ihn unglücklich an. „Weil Du der Schnellste bist.“

„Genau.“

Sie nickte säuerlich, sagte aber nichts.

„Welche Reihenfolge, nach Dir?“, fragte Sabine.

„Wir füllen das restliche Wasser um, dadurch sollten nochmal einer von den Eimern frei werden. Ich nehme ihn mit, spüle ihn aus und hole neues Wasser“, antwortete Justus. „Dann kommt Britt, dann…“

„Wieso Britt?“

„Weil sie am schlechtesten laufen kann“, erklärte Justus betont. „Sollten die Biester es sich einfallen lassen, eine Attacke zu fliegen, und das wird mit jedem Moment wahrscheinlicher – übrigens auch mit jedem Moment, den ich Dir das erkläre – kann sie am schlechtesten zurück. Capisce?“

„Ja, ja“, murmelte Sabine.

„Dann sollte Markus gehen. Danach ist es eigentlich egal, ob Sabine, Bastian, oder Du, Maike…“ er zuckte mit den Schultern

„Ich gehe zuletzt“, sagte Maike. „Ich bin etwas fitter.“ Sie grinste. „Oder Schatz?“

Bastian grinste zurück. „Ja.“

Sabine sah ein wenig unglücklich in die Runde. „Nehmt es mir nicht übel, aber wenn es nach mangelnder Fitness geht… ich glaube…“

Bastian lachte. „Ich lasse Dir gerne den Vortritt.“

Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln. „Okay.“

Maike nahm den Eimer, aus dem sie das Wasser für die Stofffetzen genommen hatten, kippte den Rest in eine der Plastikwannen und reichte ihn Justus.

Wieder öffneten sie die Tür einen Spalt, wieder spähte Philip vorsichtig hindurch, wieder erwartete er, von hunderten Insekten angegriffen zu werden. Aber soweit er sehen konnte, war der Flur immer noch frei. Eine trügerische Sicherheit, aber besser als gar keine. Er nickte Justus zu.

„Okay, komm.“

Sie gingen bis zur Badezimmertür, dort drückte Justus Philip den Eimer in die Hand. Er grinste. „Auf gutes Gelingen.“

Philip öffnete die Tür und ging ins Bad. Er stellte den Eimer in die Dusche, spülte ihn aus und ließ Wasser hineinlaufen, dann setzte er sich auf die Toilette. Er bemühte sich, Blase und Darm so weit wie möglich zu leeren, in der Gewissheit, den beruhigenden zivilisatorischen Komfort einer Toilette mit Wasserabzug für viele Stunden zum letzten Mal zu genießen. Und er wollte es schnell hinter sich zu bringen, um den anderen keine wertvolle Zeit zu stehlen. Alles konnte zum Problem werden, man musste nur ein wenig Pech haben. Er beendete, was zu beenden war, zog ab, kontrollierte den Eimer, der inzwischen fast voll war, wusch seine Hände und stellte das Wasser ab. Philip verließ das Bad mit einem Gefühl der Wehmut.

Als er bei Justus anlangte und ihm die Hand auf die Schulter legte, zuckte der zusammen, so angestrengt hatte er die Insekten beobachtet.

„Wie steht’s?“, fragte Philip.

„Sieht nicht gut aus.“

„Du kannst. Der Eimer ist ausgespült und gefüllt.“

Justus nickte. „Gut Bis gleich.“

„Bis gleich.“

Philip schaute um die Ecke. Justus‘ Lagebeschreibung war so vage wie richtig gewesen. Und irgend etwas stimmte da nicht. Er brauchte einen Moment, bis er es gemerkt hatte: Der Spalt unter der Küchentür war nicht mehr zu sehen. Er war offenbar mit Insekten verstopft, aber es kamen keine mehr nach. Überhaupt war das ganze Bild, verglichen mit dem, das sich ihm vor einer Stunde geboten hatte, auf unheimliche Weise statisch. Die Insekten hatten ihren Teil des Flures inzwischen fast völlig ausgefüllt, der lebende Teppich war weniger als zwei Meter von ihm entfernt. Schon das trieb Philip den Schweiß auf die Stirn und mahnte ihn zu äußerster Konzentration und Wachsamkeit. Aber hatte ihn die Masse der Tiere vorhin noch an Lava erinnert, so glich sie nun tatsächlich einem Teppich. Sie bewegten sich kaum. Hier zuckte mal ein Flügel, dort wechselte eines die Position, aber das war minimal. Das Gros schien zu warten. Worauf?

Philip leckte sich die trockenen Lippen. Er hörte, wie Justus das Bad verließ, an die Wohnzimmertür klopfte, ein paar Worte mit Britt wechselte. Er hörte, wie sie zum Bad ging. Vor der Tür blieb sie einen Moment stehen. „Ich liebe Dich“, rief sie ihm leise zu, aber laut genug, dass er es hören konnte.

Philip wagte nicht, die Insekten auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. „Ich Dich auch!“, antwortete er schnell. Sie lachte, ging ins Bad und war so schnell wieder draußen, dass er innerlich jubelte.

‚Gutes Mädchen‘, dachte er wirr. ‚Gutes Mädchen.‘

Dann kam Markus und der ließ sich Zeit. Endlich verließ er das Bad, Sabine folgte ihm, sie sputete sich. Als Bastian aus dem Wohnzimmer kam, wurden die Tiere vor Philip unruhig. Sie schoben sich gegenseitig hin und her, einige flogen auf, nur, um sofort wieder zu landen.

„Mach hin!“, rief Philip ohne sich umzusehen. Er erhielt keine Antwort, aber Bastian hatte ihn offenbar verstanden, den soweit Philip es abschätzen konnte, lag er nur knapp über Britts Rekordzeit. Nun ging Maike ins Bad.

Als es kam, kam es völlig überraschend und nur die Tatsache, dass er die ganze Zeit angespannt gewartet hatte, ließ Philip richtig reagieren. Es war ein Geräusch wie eine heranrollende Welle, die auf Felsen klatscht, und dann sausten unzählige Wespen, Bienen und Hornissen aus dem oberen Stockwerk hinunter. Weitere stoben unter der Küchentür hervor, als hätte jemand dahinter ein Gebläse angemacht. Alle Insekten, die im Flur gesessen hatten, erhoben sich auf einmal.

Philip wirbelte herum und rannte.

„Maike!“, brüllte er.

„Ich… ich kann nicht!“, rief sie verzweifelt zurück. „Gleich…“

„Nein!“, schrie Philip. „Nein! Bleib drin!“

Er spürte etwas im Rücken, einen Stich, noch einen, und da war auch schon die Wohnzimmertür vor ihm. Philip warf sich vorwärts.

„Aufma…“, brüllte er, und im selben Moment wurde die Tür aufgerissen. Er hörte ein Zischen, schmeckte Haarspray, dann wurde er gepackt und hineingezogen. Die Tür fiel ins Schloss. Er hustete und rieb sich die Augen, irgend jemand schlug ihm hart auf den Rücken. Er wurde beiseite gestoßen, Stimmengewirr, jemand zog ihn aus dem Chaos. Es war Markus. Britt, Sabine und Bastian stopften die bereitgelegten Stofffetzen in den Spalt unter der Tür. Justus kniete neben ihm und rieb sich eine zerschlagene Wespe von der Handfläche. Er sah Philip an, mit hochrotem Kopf, aber lächelnd.

„Das war knapp.“

„Und wie.“ Philip atmete keuchend.

„Alles in Ordnung?“, fragte Markus.

Er nickte. „Ja… ja ich denke… sie haben mich gestochen, aber nicht so schlimm. Maike…“

Bastian merkte es im selben Moment. Britt, Sabine und er hatten in rasender Eile die Tür abgedichtet und keine Zeit gehabt, sich um etwas anderes zu kümmern. Nun sah er sich um.

„Maike“, sagte er erstaunt. „Wo ist Maike, was…“

Im Bad ertönte ein lautes Krachen, zwei Mal, dann Stille. Bastian heulte auf und drehte sich wieder zur Tür. „Maike“, schrie er. „Maike!“

Sabine und Britt verstellten ihm den Weg und bevor er versuchen konnte, mit ihnen zu ringen, hatte Justus ihn an den Schultern gepackt und ohne viel Mühe zurück gerissen.

„Nein“, wimmerte Bastian, „nein, nein, bitte…“

Sie sahen sich betreten an, als sie eine dumpfe Stimme hörten: „Alles in Ordnung. Ich bin Okay.“

„Maike!“ Bastian stürzte zu der Wand, die das Wohnzimmer vom Bad trennte. Die anderen folgten ihm.

„Hey“, sagte Philip erleichtert. „Schön Dich zu hören!“

„Bist Du das, Philip?“, fragte die Stimme in der Wand.

„Ja.“

„Danke. Ich glaube, Du hast mir das Leben gerettet. Ich war drauf und dran, raus zu rennen. Jedenfalls danke, dass Du gesagt hast, dass ich drin bleiben soll. Wie geht’s Dir?“

„Gut. Was war das für ein Krach?“

„Ich habe zwei Handtücher in den Dunstabzug gerammt. Ging nicht anders, musste schnell gehen, ein paar waren schon durch.“

„Wie sicher bist Du da drin?“, fragte Britt.

„Es geht, ich kann nicht klagen. Ich habe zwei Brausen und eine Menge Handtücher, um mich zu wehren. In den Schlitz unter der Tür habe ich Waschlappen gestopft. Ich denke, vorerst bin ich sicher. Aber ich traue meiner Handtuchbarriere im Dunstabzug nicht sehr.“

„Wir holen Dich da raus!“, sagte Bastian.

Sie hörten, wie sie lachte, selbst durch die Wand klang es nicht fröhlich.

„Wäre nicht schlecht, aber wie wollt Ihr das machen?“

Bastian sah ratlos die Wand an.

„Mit den Motorradanzügen“, sagte Sabine plötzlich. „Wir holen sie mit den Motorradanzügen.“

FORTSETZUNG FOLGT

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Lexikon der Absonderlichen Arten – Schurkenstreik

Mit Ihrem heutigen Lexikoneintrag erinnert Sarah an einen ebenso vergessenen wie bedeutenden Arbeitskampf. Denn gibt es ein größeres Ziel, als das Recht auf Liebe? Internationale (und interspezielle) Solidarität!

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Schurkenstreik, der:

Berühmtes historisches Ereignis, bei dem quer durch die gesamte Märchenwelt die Bösewichte in Streik traten, um bessere Arbeitsbedingungen zu erzwingen. Anführerin des Aufstandes war die Lebkuchenhexe, die mit ihrer flammenden Rede „Sprenget die Seiten!“ die Massen aufwühlte wie kaum eine Grimmfigur je davor oder danach.

Zentraler Punkt ihres Forderungskatalogs war das Recht zu heiraten und eine zärtliche, erfüllte Beziehung zu führen, ohne sich gegenseitig a) ermorden oder b) als tragische Backstory verwenden zu müssen.

In einem Interview formulierte die Lebkuchenhexe es so: „Ich hab kein Problem damit, in regelmäßigen Abständen in meinen eigenen Backofen gesteckt zu und zu Asche verbrannt zu werden. Das gehört zum Job, wer damit nicht umgehen kann, der soll eben Froschkönig zu werden. Aber ich habe mir wie jeder andere Charakter verdient, nach einem harten Arbeitstag voll Kinderquälen und Verbrannt-Werden zu der Person heimzukommen, die ich liebe – und es ist mir egal, ob…

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Das Lexikon der Absonderlichen Arten – die U5

Von der U5 hat Sarah mir schon oft erzählt, und ich liebe sie. So sehr, dass es sein könnte, dass diese Linie in den kommenden Jahren in einem meiner Werke auftaucht. Mehr kann ich noch nicht sagen, aber falls es so ist: Sarah hat es mir erlaubt. 🙂

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Hey Leute, wie geht das Leben? Langsam scheinen wir diesen gottverdammten Scheißvirus ja zumindest hierzulande in den Griff zu kriegen, was sehr erfreulich ist.

Während die Lage sich entspannt, isoliere ich mich gerade die letzten Tag noch rigoroser. Ziel ist es, Ende der kommenden Woche zum ersten Mal seit neun Wochen zu meinen Eltern und Brüdern nach Oberösterreich zu können, ohne mir Sorgen machen zu müssen, dass ich etwas mitbringe. So sehr ich meine Wiener Wohnung liebe, langsam krieg ich schon einen gröberen Lagerkoller und ich vermisse Clan und Kater.

Was das Organisatorische hier angeht:
Ich habe ursprünglich gesagt, ich poste hier jeden Tag Geschichten, bis die Ausgangssperren aufhören. Das wäre in Österreich der Montag. Nachdem ich aber weiß, dass ich etliche Nicht-Österreichern unter den Lesern habe, vor allem Deutsche, fänd ich es höchst fies, jetzt mittendrin aufzuhören. Neues End-Datum für mich also ist das Ende (oder die weitgehende Lockerung)…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 45 – Der Ruf, Teil 20

Weiter geht es mit der Geschichte vom Ruf. Während die Wohnzimmerbesatzung sich Wasser und Schutzkleidung sichert, und Philip und Justus sich aussprechen, treffen wir anderswo auf alte Bekannte. Sergej hat gleich zwei Cameos und wir erfahren, was bei der Seance wirklich passiert ist – und warum die Geschichte „Der Ruf“ heißt. Beziehungsweise – wer ihm gefolgt ist. Erinnert Ihr Euch noch, wem der Ruf galt? Tja… Vorsicht mit Wünschen. And do not read the latin! 😉

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15

Der Ruf – Teil 16

Der Ruf – Teil 17

Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19

Der Ruf – Teil 20

Philip wandte sich zu ihm, und Justus sah sein Gesicht. Er drehte sich zu den anderen.

„Maike, Bastian. Kommt schnell, sammelt ein, was wir brauchen können. Sabine, Markus!“

„Ja?“

„Macht schneller!“

Er sah wieder Philip an. „Was ist da?“

„Sieh selbst.“

Justus schob sich an ihm vorbei und spähte um die Ecke. Eine Weile sagte er gar nichts. „Gott der Gerechte“, entfuhr es ihm schließlich auf fast bedächtige Weise.

„Der hat uns ganz schön am Arsch“, sagte Philip gallig.

Justus sah ihn erstaunt an. „Wer?“

„Gott. Entschuldige. Falls Du religiös bist.“

Justus zuckte mit den Schultern. „Jeder Künstler ist religiös, ob er es weiß oder nicht. Aber das hier hat nichts damit zu tun. Ich bin einfach nur… erstaunt.“

„Ja. Meinst Du, wir werden es überleben?“

Justus sah die Insekten lange an, wie sie langsam auf sie zuströmten, jedes einzelne ein kleines, lebendiges Giftdepot mit einem Stachel.

„Nein“, sagte er schließlich. „Einer von uns vielleicht, oder zwei. Mit Glück. Aber mehr nicht.“

Philip sah nach hinten, wo Bastian und Maike eifrig nach Motorrad-Kleidung suchten und Markus gerade einen vollen Wassereimer ins Wohnzimmer trug.

„Braucht Ihr Hilfe?“, fragte er Maike.

„Nein. Behaltet lieber die Viecher im Auge.“

Philip nickte. Er wandte sich wieder ihren Feinden zu. Etwas, das Justus gesagt hatte, tauchte wieder in seinem Kopf auf.

„Warum ist ein Künstler religiös?“, fragte er.

Justus, der gerade versucht hatte, sich auszurechnen, wie voll das obere Stockwerk inzwischen sein musste, sah ihn verwirrt an. Dann lachte er ein wenig bitter. „Sei mir nicht böse, aber seit wann bist Du an meinem Seelenleben interessiert.“

„Nur Neugier. Ich hatte gestern nicht den Eindruck, als hättest Du einen besonderen Sinn für Metaphysik.“

Justus fühlte Ärger in sich aufsteigen, drückte ihn herunter und lächelte. „Touché.“

„Willst Du, dass ich ehrlich bin?“ fragte Philip.

„Nur zu.“

Philip atmete durch. „Ich mag Dich nicht besonders, Justus. Aber im Moment bin ich froh, Dich hier zu haben. Und ich mag Britt. IUnd ich würde gerne wissen, was zwischen Euch ist. Wenn Ihr Euch hasst…“

Justus seufzte, warf wieder einen Blick um die Ecke, sah dann zurück zu Philip. „Ich hasse sie nicht.“

„Sie hasst Dich. Und Du springst auf jedes Wort von ihr an.“

„Zugegeben“, sagte er leise. „aber ich habe eine Menge gelernt. Ich denke, ihr habt kein Recht, Euch eine Meinung über mich zu bilden. Keiner von Euch. Bis auf Britt.“

„Und? Hat sie Recht mit ihrer Meinung?“

„Ja. Und nein.“ Er lächelte gequält. „Ich finde mich generell ziemlich gut, weißt Du. Britt erinnert mich daran, dass ich es nicht bin.“

Philip sah ihn nachdenklich an.

Justus erwiderte seinen Blick. „Falls Du wissen willst, worum es ging“, sagte er schließlich, „vergiss es.“

Philip schüttelte den Kopf. „Sie wird es mir sagen, wenn sie denkt, dass es an der Zeit ist. Ich kann warten. Was ich wissen will ist – kann ich auf Dich zählen? Kann Britt auf Dich zählen?“

„Ich habe die Tür offen gehalten, schon vergessen?“

„Nein, nicht vergessen.“

Justus nickte. „Ja, ihr könnt auf mich zählen. Wie Maike schon gesagt hat – wir sind eine Gemeinschaft. Wir können nur überleben, wenn jeder von uns bereit ist, alles für die anderen zu tun.“

Philip nickte. „Denke ich auch.“ Er reichte Justus die Hand. Der schlug ein.

„Sind wie jetzt etwa Freunde?“

„Wohl nicht.“

Justus lachte und nickte zufrieden. „Freut mich, dass Du mich verstehst. Ihr werdet mir danach alle wieder herzlich egal sein. Alle, bis auf Britt.“

Philip lachte ebenfalls und ohne viel Fröhlichkeit: „Noch ist es nicht vorbei. Du kannst Dich auf mich verlassen.“

„Das ist ’ne Basis.“

Maike tauchte hinter ihnen auf.

„Wie sieht’s aus?“

„Beschissen.“ Justus sah wieder in den Gang. „Sie sind bald hier.“

„Wir haben alles eingesammelt, was wir finden konnten. Sabine und Markus haben vier Eimer gefüllt, und zwei Plastikwannen. Ihr habt Euch zusammengerauft?“

Die beiden sahen sie erstaunt an.

„Gut“, sagte Maikezufrieden. „Sehr gut. Und jetzt kommt wieder ins Wohnzimmer. Bevor sie hier um die Ecke kommen. Es wird Zeit, dass wir uns einbunkern.“

Anderswo

Er schwebte schneller und schneller auf das Licht zu. Er hatte keine Schmerzen mehr. Er fühlte seinen Körper nicht mehr, und das schien ihm ganz selbstverständlich. Er brauchte ihn nicht mehr. Näher und näher kam das Licht und er bewegte sich schneller und schneller. Gleißende Helligkeit fraß die Düsternis und er raste darauf zu, schneller und schneller und dann passierte er das Licht, durchstieß es und war hindurch. Er sah. Einen schwarzen Würfel, unendlich groß. Eine weite, graue, nebelverhangene Flusslandschaft, zernarbt von Schützengräben und Bombenkratern. Eine Frau an einem schmutzigen Fenster, die eine Katze im Arm hielt. Einen Mann und eine Frau in einer Felshöhle. Ein Zug, der von einer Brücke stürzte. Ein Mann in einem kleinen Zimmer, der etwas in einen Computer schrieb. Zwei Flaggen, eine weiße und eine rote. Und dann sah er alle Welten und alle Zeiten und Raum und Zeit wurden ein Trick und er war eins mit allem.

Jenseits aller Räume und Zeiten aber gab es Dinge, die verborgen waren und von denen er getrennt war, die sich auf undenkbaren Bahnen bewegten.

Er verließ die Einheit.

Er musste Ausgleich werden, ein Teil der Ordnung, in der er gewesen war.

Er musste vergessen.

Er musste wissen.

Und er musste fühlen.

Musste wieder ein Teil dessen werden, was er gewesen war.

„Folge mir.“

Er sah ein Schiff auf einem Fluss und der Mann am Heck, ein Mann in Schwarz, sah zum Himmel, sah ihn an und lachte.

Er tauchte zurück in Zeit und Raum. Er durchwanderte die Sphären, bis er ankam. Und dann war er dort, wo seine Reise in die Dunkelheit begonnen hatte.

Es war ein Urwald.

Er sah, hörte, er roch und schmeckte.

Er staunte.

Er wanderte durch den dampfenden Wald voller fremder Farben, Düfte und Geräusche, er war ein Windhauch in den Blättern. Er hatte ein Ziel und er näherte sich ihm, während sich zwei neue Düfte in die strengen Gerüche des Waldes mischten. Die salzige Luft des Meeres und Rauch. Beide Gerüche wurden stärker, je näher der Geist seinem Bestimmungsort kam.

Bald war der Bewuchs um ihn nicht mehr so dicht, die gewaltigen Bäume und Farne wurden spärlicher und der Wald ging in ein weites Grasland über. Ein gewaltiges Tier kreuzte seinen Weg.

Er beachtete es nicht.

Zu seiner Linken zog sich eine Hügelkette und am Horizont war das Meer zu erahnen. Dort, wo sie aufeinander trafen, stieg dichter Rauch auf. Und irgend etwas stimmte nicht mit der Luft über den Hügeln. Sie schien zu flimmern und manchmal glaubte der Geist, durch den blauen Himmel hindurch etwas anderes zu sehen – einen anderen Himmel, bleigrau und wolkenverhangen. Er kam näher und sah, dass sich vom Meeresufer die erste Hügelkette hinauf und viele Kilometer an ihr entlang eine gewaltige Stadt hinzog, die der Quell der Brände war. Sie war von einer hohen Mauer umgeben, die sich wie eine große, graue Schlange fugenlos und glatt um die ganze Stadt legte und nur zum Meer hin offen war. Alle Gebäude dieser enormen Metropole waren riesige, pyramidenförmige Türme, flach an der Spitze und verbunden durch unzählige Brücken, Rampen und Balustraden. Sie waren alle von der gleichen, grauen Farbe, schienen gleichermaßen aus einem Stück errichtet, nirgendwo waren Fugen zu erkennen, keine Stelle ließ vermuten, dass irgendwo Werkstoffe zusammengefügt worden wären. Die Gebäude standen in spitzen Winkeln zueinander und bildeten so Straßen von seltsamer Form, die alle auf ein Zentrum hin zu führen schienen.

Der Geist durchdrang die Mauer.

Und dann sah er die Bewohner der Stadt. Sie lagen auf den Wegen, auf den Stiegen und Brücken, zu Tausenden und Abertausenden und ihr Blut lief durch die Straßen. Es waren keine Menschen, doch waren sie den Menschen ähnlich. Höchstens zwei Meter groß, die Vorderbeine waren Arme mit Händen daran. Ihre Hälse waren lang und ihr Kopf länger und breiter als ein menschlicher, doch ihr Gesicht war wieder sehr ähnlich, zwei große Augen mit gelben oder grünen Pupillen über einer flachen Nase, darunter ein sehr breiter, lippenloser Mund. Ihre braune, grüne oder gelbe Haut war schuppig und von Flecken und Zeichnungen durchzogen. Er wurde Zeuge, wie diese Stadt unterging und vielleicht ihre ganze Zivilisation.

Der Geist hob seinen Blick zum Himmel, die Sonne stand tief, es mochte auf Abend zugehen. Er folgte den Straßen hin zum Zentrum, vorbei an Toten und Sterbenden. Hier und da sah er zwei oder mehr der Wesen miteinander kämpfen, sie kämpften verzweifelt bis zum Tode und mehr als einmal war es so, dass der Sieger seinen Gegner nur wenige Sekunden überlebte.

Die Straßen führten ihn schließlich auf einen großen, offenen Platz im Herzen der Stadt, der auf einer Seite durch eine Pyramide von zyklopischen Ausmaßen begrenzt wurde.

Der Platz vor der gewaltigen Pyramide musste Schauplatz des grausamsten Kampfes gewesen sein. Die Zahl der Toten hier mochte in die Zehntausende gehen, an einigen Stellen hatten sich grässliche Explosionen ereignet. Die Spuren des unerbittlich geführten Kampfes zogen sich über den ganzen Platz und die Stufen herauf, die zu einer kleinen Tür in der Riesenpyramide führten. Zuletzt hatten sie sich auf den Stufen ineinander verbissen und sich gegenseitig die Leiber mit den Klauen aufgerissen.

Was konnte diesen grauenvollen Bürgerkrieg in einer so offenbar zivilisierten und hoch entwickelten Stadt ausgelöst haben?

Die Tür zog ihn an, die kleine Tür, um die sie so grausam gerungen hatten. Sie klaffte offen, halb aus den Angeln gerissen. Der Geist schwebte hindurch und in das Dunkel dahinter.

Etwas zog ihn an, rief ihn, er folgte dem Ruf. Nebenbei sah er, dass alle Wände in Hallen und Fluren mit kunstvollen, stilisierten Bildern geschmückt waren, zumeist lange, mehrstöckige Friese, die das Leben der Stadt und ihrer Bewohner beschrieben. Nichts in diesen Bildern deutete auf kriegerisches Verhalten hin. Erst ganz zuletzt, als er fast schon an seinem Ziel angelangt war, fand er Spuren von Konflikten darin. Hier waren deutlich mehr der tupfenförmigen Schriftzeichen zu sehen und diese Friese waren auch jünger als die anderen, offensichtlich über ältere gemalt, die an manchen Stellen durchschienen.

Dann sah er vor sich eine große, goldbeschlagene Flügeltür. Er schwebte hindurch.

Dahinter war ein kleiner Raum, ganz mit Holz ausgeschlagen. In seiner Mitte, auf einem grauen Polster, saß eines der Wesen im Lotussitz. Es betrachtete etwas wie ein Blatt aus Papier, nur dicker und von metallischem Glanz, dass vor ihm lag. Dabei gab es klickende und zischende Laute von sich, scheinbar las es etwas ab.

Von draußen wurde heftig gegen die geschlossene Tür gepocht.

Das Wesen schaute kurz zur Tür und begann, schneller zu lesen.

Und mit einem Mal öffnete sich etwas. Ein Riss in der Wirklichkeit dieses Raumes und aus dem Riss im Nichts kam ein Wind und eine Stimme, die der Geist kannte.

„Herren und Meister, höret uns“, kam es aus dem Riss. „Ihr Meister des großen Krieges, gebt uns ein Jota Eurer Macht…“ Und dann eintönige, monotone Formeln in Latein.

Der Geist begriff und stieß einen tonlosen Schrei aus.

Im selben Moment explodierte die Tür und zwei der tätowierten Wesen stürzten herein. Sie trugen Waffen, die wie überdimensionale, halb aufgespannte Regenschirme aussahen. Eines von ihnen zischte laut, Wut war in diesem Zischen ebenso wie Verzweiflung. Das Wesen, das am Boden saß, sah die Eindringlinge an und stieß ein gurgelndes Knacken aus. Es lachte. Dann gab es noch ein lautes Zischen von sich und sank in sich zusammen, im selben Moment, in dem einer der beiden Tätowierten seine Waffe hob und einen Schuss abgab. Eine blauschwarze Kugel raste zischend auf den Körper am Boden zu, prallte dagegen und zerplatzte. Doch der Besitzer des Körpers hatte diesen verlassen und sein Lachen klang noch aus dem Riss, in den er sich hatte saugen lassen.

Irgendwo draußen, über der Stadt, geschah etwas Gewaltiges. Ein Tor zwischen zwei Welten wurde aufgestoßen und hindurch kam ein riesiger weißer Turm auf unzähligen Rädern, und er kam auf die Hügel und ihm folgte ein gewaltiges Heer. An einer anderen Stelle aber, weit im Süden, brach zur selben Zeit etwas entzwei und auch hier wurde ein Tor aufgerissen, und hindurch kam ein roter Turm und das rote Heer hinter ihm, und ein wandernder, ewiger Krieg sollte diese Welt auf Jahrtausende formen und bestimmen und alle Spuren der großen, alten Zivilisation zerstören und ihr Erbe fort waschen. Danach würde die Welt nicht mehr die sein, die sie gewesen war.

Von all dem wusste Stephan nichts. Er war dort, in dem Meditationsraum, im Zentrum des großen Tempels. Er hörte Christophs Stimme, er spürte den Sog und dann folgte auch er dem Ruf, der das andere Ende des Tunnels gewesen war. Stephan ließ sich in den Riss in der Wirklichkeit ziehen und folgte dem Geist des Hohepriesters.

Liebe und Rache.

Er kehrte zurück.

FORTSETZUNG FOLGT



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