schreckenbergschreibt: NOMADEN

Herrjeh… Juni???? So lange habe ich meinen Blog, glaube ich, noch nie verwaist gelassen. Erinnert sich noch irgendwer daran?

Nun gut, mein Leben war zwischenzeitlich… interessant, außerdem gab es viel zu tun. Ich hoffe, dass ich jetzt wieder etwas regelmäßiger schreiben kann, vor allem auch, dass ich die schöne Tradition der Sonntagsfrage wieder aufnehme – wenn auch bestimmt nicht jeden Sonntag. Denn es gibt immer noch zu tun. Unter anderem stehe ich kurz vor dem Abschluss meines neuen Romans:

Nomaden

(auch bekannt als „Der Prophet“ oder „Die Finderfortsetzung“).

In den kommenden Tagen (oder Wochen, ich kenne mich 😀 ) möchte ich Euch hier ein wenig Einblick in diese kommende Geschichte geben. Keines meiner Bücher hat so viele Fans wie Der Finder, ich weiß, dass viele von Euch lange auf dieses „zweite Buch“ gewartet haben (obwohl ich lange genug gesagt habe, dass ich es nicht schreiben werde). In diesem Blogbeitrag möchte ich ein paar wichtige und häufig gestellte Fragen beantworten – und dann später hier und da mehr in die Einzelheiten gehen. Dazu könnt Ihr gerne auch beitragen: Wenn Ihr eine Frage zum kommenden Roman habt: fragt! 🙂

Es kann gut sein, dass ich hier ein paar Dinge erzählen werde, die ich in älteren Beiträgen zu dem Thema schonmal erwähnt habe – das erspart Euch und mir das Stöbern in alten Artikeln. Ich werde mich außerdem sehr bemühen, nicht zu spoilern – sowohl, was den „Finder“ als auch, was die „Nomaden“ betrifft. Los geht’s mit der meistgestellten Frage:

1.) Wann kommt das Buch heraus?

Im Frühjahr 2015. Ich weiß, dass sowohl der JUHRVerlag als auch ich es ursprünglich für November 2014 angekündigt hatten und es tut mir leid, wenn ich ein paar von Euch damit enttäusche – aber es ist besser so. Das habe ich auch nach sehr kurzer Bedenkzeit eingesehen. Der Hauptgrund dafür ist, dass das Buch kein Schnellschuss sein soll. „Schnellschuss???“ höre ich da treue Blogleser höhnen. „Du schreibst seit 2013 an dem Werk, Du Genie! Andere basteln in der Zeit Nobelpreiswerke.“

Jain. Ich habe zwar, nachdem ich die Idee hatte, wie es in der Finderwelt weitergehen kann, begonnen, an diesem Buch zu schreiben. Aber damals war noch nicht klar, dass dies mein nächster Roman werden würde. Im Gegenteil – mein Verlag hatte gerade verkündet, dass er, abgesehen von schon vertraglich vereinbarten Werken, erstmal keine neuen Romane plane und ich hatte mir daraufhin eine Agentin gesucht und begonnen, die verschiedenen Pfeile zu schärfen und zu polieren, die ich im Köcher habe (Sänger und Puppenspieler, Königskinder, Träumerfortsetzung, Sergejfortsetzung…). Außerdem habe ich einige Kurzgeschichten geschrieben, für die ich, im Gegensatz zu meinen Romanen, Abnehmer hatte. Ich habe mich also nichtmal ansatzweise konsequent um dieses neue Buch aus der Finderwelt kümmern können.

Damit habe ich erst richtig im Frühjahr dieses Jahres begonnen, als klar war, dass der JUHRVerlag (diesmal, wie schon bei „Sergej“ alleine, ohne den Gardez!Verlag) es machen würde. Damals haben wir wirklich das Ende des Jahres als Termin angepeilt. Eine Zeitlang sah es so aus, als könnten wir diesen Termin auch halten, ich kam mit dem Buch gut voran, der Verlag hat bei dem großartigen Stefan Heilemann ein Cover in Auftrag gegeben…

Nomaden

…alles lief im Plan. Dann allerdings ist mir meine Geschichte etwas länger geraten als gedacht. Das war an sich kein Problem – der Verlag hat ausdrücklich gesagt, ich solle mir soviel Zeit nehmen wie ich brauche und soviel schreiben, wie ich wolle. Eine längere Geschichte erfordert aber auch ein längeres Lektorat, während gleichzeitig ein paar Projekte mit drängenderer Aktualität im Verlag fertig wurden.

In einem großen Verlag wäre so etwas kein Problem. Der JUHRVerlag ist aber eben kein Großverlag, sondern einer der vielen, vielen kleinen Verlage, die nicht sehr bekannt sind, die keinen großen Apparat haben, aber dennoch den Anspruch, mit Liebe und Engagement gute Bücher zu machen. Es stellte sich also die Frage: Schnell zu Ende schreiben, kurzes Lektorat und wenig Vorabmerkating, damit das gute Stück zum Weihnachtsgeschäft erscheinen kann? Oder in Ruhe zu Ende schreiben, gründliches Lektorat und gut vorbereitete Markteinführung – aber eben erst im kommenden Jahr? Ich durfte dankenswerterweise an dieser Entscheidung mitwirken (das ist NICHT selbstverständlich im Buchmarkt!) und habe aber dann auch nicht lange überlegen müssen.

Da ich mich aber bei den Vielen, die sich schon für November und Dezember auf das Buch gefreut haben, im Wort fühle, haben der Verlag und ich vor, schon vorab Leseproben in Fortsetzung anzubieten… und noch ein paar andere Ideen. Lasst Euch überraschen. 😉

 2.) Ist das jetzt die Fortsetzung des „Finders“? Oder nicht? Oder wie, oder was?

Abermals – jain. Ich habe ja sehr lange gesagt, dass ich keine Fortsetzung des „Finders“ schreiben wolle, weil ich die Geschichte für zu Ende erzählt halte. Das stimmt im Prinzip auch weiterhin. Die Geschichte von Daniels Gruppe IST zu Ende erzählt, alles weitere wäre nur eine immer neue Wiederkehr des Gleichen in anderem Gewand. Wer den „Finder“ kennt wird verstehen, was ich meine, für alle anderen gehe ich jetzt nicht weiter ins Detail – es soll ja noch die oder den eine(n) oder andere(n) geben, der/die das Buch noch nicht gelesen hat, und ich will nicht spoilern. Ich habe versprochen, dass ich zu den Figuren, die so vielen von Euch ans Herz gewachsen sind hier und da in Form von Kurzgeschichten zurückkehren werde – aber nicht mehr in Romanform. Das gilt auch weiterhin. ABER:

Es gibt und gab immer zwei andere Möglichkeiten einer Fortsetzung bzw. Rückkehr in die Finderwelt. Die erste ist, die Geschichte der Menschheit in dieser neuen und immer fremder werdenden Welt in großen Sprüngen weiter zu verfolgen. Das hatte ich immer vor, und ich habe auch – in Form eines Drehbuchtreatments – das Grundgerüst für eine größere Geschichte, die etwa 300 Jahre nach den Geschehnissen im Finder spielt. Diese Geschichte würde ich auch gerne noch erzählen, als Roman oder Film, am besten als beides.

Die andere Möglichkeit ist natürlich, in die Welt von Daniel und seinen Freunden zurückzukehren und in dieser Welt eine andere Geschichte zu erzählen. Das tue ich mit den „Nomaden“. Und da das nicht die Geschichte irgendeiner anderen Gruppe Überlebender irgendwo ist, sondern eine Erzählung, die am selben Punkt beginnt wie Daniels Geschichte, ist es auch nicht einfach eine andere Geschichte, sondern eine, die sich mit der des „Finders“ oft überschneidet und sie häufig ergänzt. Beide Geschichten zusammen ergeben ein neues, größeres Bild – ohne das irgendetwas, das ich im „Finder“ gschrieben habe dadurch seine Gültigkeit verliert.

3.) Worum geht’s?

Der „Finder“ hat ja nicht nur Fans, sondern auch Kritikerinnen und Kritiker. Und eine der Hauptkritiken lässt sich zusammenfassen in: „Also, ich hätte das anders gemacht.“

Für Leute, die meine Endzeitgeschichte nicht kennen, muss ich hier ganz kurz ein paar Worte über den Inhalt des „Finders“ verlieren: Mein Protagonist, Daniel, findet sich eines Morgens in einer Welt wieder, in der alle Menschen verschwunden sind. Oder fast alle. Mit seiner Freundin Esther schließt er sich einer kleinen Gruppe Überlebender an. Diese Gruppe beschließt bewußt, auf fast alle noch herumliegenden Reste unserer Zivilisation zu verzichten und wieder so anspruchslos zu leben, wie es ihnen möglich ist. Sie ziehen auf eine großen, ehemaligen Bauernhof und versuchen, als Pflanzer, Jäger und Sammler zu überleben. Da sie Zivilisationsmenschen sind wie wir, können sie das nicht ganz konsequent durchziehen, sie nutzen zum Beispiel eine Traktor und verschiedene andere moderne Geräte, Werkzeuge und Waffen. Aber sie tun ihr Bestes, um ihren selbstgesetzten Idealen zu entsprechen. Sie haben auch durchaus praktische und rationale Gründe dafür, die ich jetzt und hier nicht aufdröseln möchte. Daniels Aufgabe ist, in den verlassenen Städten nach Dingen zu suchen, sie sich nicht so einfach finden lassen und/oder die sie noch nicht selbst herstellen können: Medikamente zum Beispiel, Werkzeuge, Wissen in Form von Büchern etc. Da er diese Sachen finden muss, ist er der „Finder“ – daher der Name.

Wie gesagt – vielen Leserinnen und Lesern schien das sehr zu gefallen, aber nicht wenige fanden das auch völlig abwegig. Da stehen Autos herum, weiche Betten überall, haltbare Nahrungsmittel… warum sollte man darauf verzichten? „Ich hätte das anders gemacht!“

Was diese Kritikerinnen und Kritiker übersehen ist, dass ich die Handlungsweise meiner Figuren im „Finder“ nur als eine (durchaus begründbare) darstelle, nicht als die einzig Mögliche. Im Gegenteil: Als sich die Gruppe der Überlebenden, der Daniel angehört, zum ersten Mal teilt, ist es die MINDERHEIT, die zu diesem etwas mittelalterlichen, bäuerlichen Leben zurückkehrt. Nur erzähle ich eben die Geschichte dieser Minderheit im „Finder“. Von der Mehrheit, die im Autokonvoi von dannen fährt, sagt Daniel nur, dass er keinen von denen je wiedergesehen hat. Sonst hören wir im ersten Roman nur noch einmal sehr kurz und bitter von ihnen – auch hier verkneife ich mir den Spoiler.

In den „Nomaden“ erzähle ich nun, was aus dieser größeren Gruppe geworden ist. Diese Menschen ziehen mit ihren Fahrzeugen durch die leere Welt (daher „Nomaden“) und nutzen, im Gegensatz zu den Siedlern aus dem „Finder“, so viel Zivilisationsreste wie möglich. Die Geschichte beginnt mit genau der Party, auf der Esther und Daniel sich ineinander verliebt haben. Wir treffen viele alte Bekannte wieder: Esther, Daniel, Jan, Matthias, Susi, Erkan, Thomas und, und, und… Allerdings sehen wir das alles durch ein anderes Paar Augen: Jo, mein Protagonist und Erzähler, ist im „Finder“ nicht namentlich erwähnt. Er wird sich, nicht sofort aber im Verlauf des Buches, den Nomaden anschließen und wir werden miterleben, wie es Personen ergangen ist, die im „Finder“ nur Randfiguren waren: Doris, David, Susi, der (dort noch namenlosen) „Schlagzeugerin der Schulband“… auch der allseits beliebte König Horst von Hamburg wird eine (wichtigere) Rolle spielen – und natürlich die Heuler, die in diesem Buch „Kreischer“ heißen. Dazu kommen ganz neue Figuren, von denen ich hoffe, dass Ihr sie ebenso mögen werdet wie die aus dem Finder: Annabell etwa, Robbi, Fynn und Lilli oder die Schouwen Duiveland Pirates. Neugierig? Hoffentlich. 😉

Eine große Herausforderung war dabei, die Kontinuität zu erhalten und keine Widersprüche zum „Finder“ zu kreieren – obwohl Jo und die Nomaden zuweilen zu anderen Zeitpunkten an die selben Orte kommen wie Daniel und seine Gruppe oder gar den selben Menschen begegnen, darf ich keine Paradoxa zum „Finder“ kreieren – sogar das Wetter muss stimmen. Das klingt kompliziert, ist es manchmal auch, macht aber auch sehr viel zusätzlichen Spaß beim Schreiben. Auch die Auflösung, die Antwort auf die Frage „Was ist passiert?“, darf der Lösung aus dem „Finder“ nicht widersprechen – sollte aber dennoch auch für Leute, die das erste Buch schon kennen, zumindest teilweise noch überraschend sein.

Ich glaube, ich kriege das alles ganz gut hin. Erste Reaktionen von Finderfans bei Werkstattlesungen stimmen mich optimistisch. 🙂 Ihr entscheidet am Ende, ob es mir gelungen ist.

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schreckenberglebt: CRIMINALE 2014 – Wer wollen wir sein und wieviele?

Gestern habe ich Euch berichtet, wie die Vollversammlung des Syndikats auf der CRIMINALE 2014 eine richtungsweisende und, wie ich finde, sehr vielversprechende Entscheidung für künftige CRIMINALEN getroffen hat. Aber ich sprach von zwei wichtigen Weichenstellungen für die Zukunft – heute spreche ich über die Zweite. Und, um das sofort klar zu stellen: Ich spreche nicht als „Das Syndikat“ dafür haben wir gewählte Sprecherinnen und Sprecher. Ich schreibe hier als ein Mitglied, nicht mehr, nicht weniger.

Es ging um die sehr wichtige Frage: Wie halten wir es mit den E-Book Autorinnen und -Autoren?

Gemeint sind damit Kolleginnen und Kollegen, die ihre Werke ausschließlich als E-Books publizieren bzw. bisher publiziert haben. Die Diskussion, ob wir das Syndikat für solche Autorinnen und Autoren öffnen möchten, haben wir zum ersten Mal 2012 im Hochsauerlandkreis geführt – ohne Beschluss. In Bern 2013 – wo ich nicht dabei war – haben meine Mitsyndikalistinnen und-syndikalisten beschlossen, dass wir über den E-Book-Markt einfach zu wenig wussten um entscheiden zu können. Daher wurde eine Arbeitsgruppe mit Recherchen und der Vorbereitung einer Abstimmung auf der diesjährigen CRIMINALE beauftragt. Die Gruppe hat sehr genau gearbeitet und einen sehr interessanten und aufschlussreichen Bericht erarbeitet (wir sind Krimiautoren – recherchieren können wir  😉  ), auf dessen Basis wir eine Entscheidung getroffen haben. Oder sagen wir – eine Teilentscheidung, aber dazu später.

Das Syndikat nennt sich – vorsichtig – „Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur“. Vorsichtig (und klug!) ist das deshalb, weil wir damit keinerlei Vertretungsanspruch erheben. Wir sind nicht ein „Verband der deutschsprachigen Krimischriftsteller“ oder so etwas, wir sind eine Gruppe von Menschen, die Kriminalliteratur in deutscher Sprache verfassen oder verfasst haben. Niemand muss im Syndikat sein, um sich Krimiautor(in) nennen zu dürfen. Und wir müssen niemanden aufnehmen, nur weil er oder sie Krimis schreibt, die Regeln, wer Mitglied werden kann und darf bestimmen wir frei. Und bisher lautet diese Regel:

„Das SYNDIKAT nimmt Kriminalschriftsteller/innen auf, die mindestens eine selbstständige Veröffentlichung in einem kommerziellen Verlag (—> keine book on demand-Verlage, kein Eigenverlag, keine Druckkostenzuschussverlage oder Verlage bei denen Lekoratskosten, Mindestabnahmen für eine Veröffentlichung fällig werden, o.ä.) vorzuweisen haben.“

Ebenfalls aufgenommen werden unter gewissen Voraussetzungen Autorinnen und Autoren von Drehbüchern, Hörspielen und Theaterstücken sowie Unterstützerinnen und Unterstützer, diese als „Amigo/a“. Meine Eintrittskarte in das Syndikat im Jahr 2011 waren somit der Roman „Die Träumer“ und die Kurzgeschichte „Schneesturm“ aus „Mord im Dreieck„.

Wie Ihr seht, hat unsere Aufnahmeregel bisher reine E-Book Autorinnen und -Autoren ausdrücklich ausgeschlossen. Die Vermutung einiger von uns, dass das nicht mehr zeitgemäß ist, hat die Diskussion ausgelöst.

Um es gleich zu sagen: Ich war von Anfang an FÜR die Aufnahme von E-Book Autoren. Ich habe von Beginn an nicht eingesehen, warum die Frage, ob jemand ein Kriminalschriftsteller bzw. eine Kriminalschriftstellerin ist von der FORM der Veröffentlichung abhängen soll. Woran uns gelegen ist (und auch gelegen sein sollte) ist ein gewisser Anspruch an die Qualität. Und da wir nicht (zumindest nicht als Gemeinschaft 😉 ) den Dünkel haben, selbst entscheiden zu wollen wer gut genug für das Syndikat ist, haben andere Kolleginnen und Kollegen laaaaange vor meinem Eintritt den kommerziellen Verlag nach der obigen Definition gleichsam als Mindesthürde aufgestellt: Wer in der Lage ist, jemanden zu überzeugen der vom Büchervertrieb lebt, daher ein professionelles Lektorat betreibt und in das Marketing investiert, wer also an diesem Gatekeeper vorbeikommt, dessen Qualität soll auch uns genügen.

Ich muss nicht erklären, dass das nicht perfekt ist. Der „Finder“ ist, wenn ich nicht irre, von etwa 20 Verlagen abgelehnt worden, bevor Daniel Juhr ihn spontan haben wollte. Und wenn ich mir meine amazon Bewertungen so ansehe – aktuell ein Neuntel meiner Leser scheint zu meinen, dass das ein Fehler war. Damit kann ich gut leben (mit den anderen 8/9 natürlich besser 😀 ), aber wenn ich das auf die Gesamtzahl der ersten und zweiten Auflage hochrechne, dann ist das schon eine stattliche Anzahl Menschen. Haben sie recht? Oder die anderen acht Neuntel? Konnte der JUHRverlag die Qualität meines Buches besser einschätzen (denn der Finder ist, selbst rein finanziell betrachtet, ein ziemlicher Erfolg) als die anderen Verlage? Oder ging es bei deren Ablehnung womöglich gar nicht um Qualität, sondern um ganz andere Erwägungen?

Die Verlagsveröffentlichung als Kriterium für die Aufnahme hat Fehler – ist aber den beiden Alternativen „wir nehmen einfach jede und jeden“ oder „wir setzen eine Qualitätspolizei ein, die die Würdigen erwählt und die Unwürdigen abweist“ haushoch überlegen.

Oder – sie war es bisher. Denn mit den E-Books und ihren Möglichkeiten verändert sich auch der Buchmarkt. Es begann damit, dass sehr viele Autorinnen und Autoren den Weg über die Verlage einfach nicht mehr nahmen, sondern ihre Bücher selbst als E-Books publizierten. Darunter sind natürlich viele, die in tausend Jahren keinen Verlag (und auch kaum einen Leser) überzeugen werden, weil es einfach an der Qualität fehlt. Aber das sind eben nicht alle. Es gab und gibt die, die gut sind, aber bisher keinen Verlag überzeugen konnten. Und es gab und gibt die, die gar keinen Verlag überzeugen WOLLEN – weil sie keinen Zwischenhändler haben möchten, weil sie ihre Bücher mit anderen Inhalten im Netz (oder  außerhalb) kombinieren, und durch diese innovative Herangehensweise lange einfach keine Platz im traditionellen Markt fanden.

Und inzwischen gibt es eben auch reine E-Book Verlage, die mit den selben Kriterien arbeiten wie alle anderen seriösen Verlage auch – nur eben ohne Papier. Und – das erklärte uns die Arbeitsgruppe – die Verlage, die auf Papier UND als E-Book publizieren gehen zunehmend dazu über, Romane von Debutantinnen und Debutanten zunächst einmal als E-Book herauszubringen. Denn das ist nicht nur preiswerter für den Verlag sondern – zumindest im Mainstream – offenbar nach Ansicht der allermeisten Expertinnen und Experten der Markt der Zukunft. WANN das E-Book das Taschenbuch ablösen wird, darüber gehen die Meinungen teilweise jahrzehnteweit auseinander. DASS diese Ablösung aber statt finden wird, darüber ist man sich weitgehend einig.

Eine weitere Ablehnung aller reinen E-Book Autorinnen und Autoren würde also bedeuten, dass das Syndikat durch die künftige Marktentwicklung zu einem elitären (und vermutlich ziemlich alten) Clübchen würde, das sich von neuen Autorinnen und Autoren, deren Leserinnen und Lesern und mit der Zeit auch der Entwicklung in der Krimiszene abkoppelt. Es gab eine sehr engagierte Diskussion bei der ich zum Teil auch die Argumente der Gegenfraktion einleuchtend fand – wenn auch nicht überzeugend. Am Ende stimmten wir darüber ab, ob wir Autorinnen und Autoren, die nur E-Books veröffentlichen, künftig aufnehmen sollen – sofern diese Veröffentlichung bei einem nach unseren Kriterien seriösen (!) Verlag statt findet, sei es nun ein reiner E-Book Verlag, oder ein anderer. Ich stimmte dafür und war damit Teil einer deutlichen Mehrheit. Aus meiner Sicht ändert sich dadurch nicht viel: Das Syndikat wird weiterhin Krimiautorinnen und -autoren aufnehmen, die in seriösen Verlagen veröffentlichen. Die Form ist ab jetzt nicht mehr entscheidend.

Ist die Sache damit entschieden? Ich glaube nicht. Wie oben gesagt: Ich bin der festen Überzeugung, dass die E-Book-Selfpublisher sich nicht nur aus frustrierten Nichtskönnern zusammensetzen, die eben keinen Verlag finden. Es gibt Menschen, auch Kolleginnen und Kollegen, die scheinen das zu glauben. Aber ich bin davon überzeugt, dass ein nicht geringer Teil von Selfpublishern einfach keinen Verlag haben möchte. Diese Leute engagieren freie Lektorinnen und Lektoren (die am nächsten Tag womöglich für einen Verlag arbeiten) und unterwerfen sich deren Lektorat. Sie betreiben professionelles Online-Marketing – und erreichen mitunter mehr Leserinnen und Leser, als zum Beispiel ich, der vierstellige Auflagen bei einem kleinen Verlag hat. Mein Weg ist das nicht, ich bin glücklich, dass meine Agentin mir Verlage sucht und mein Verlag mir einen Lektor stellt und für mich Marketing und Vertrieb übernimmt. Aber ich bin eben auch ein schlechter Vertriebler. 😉

Und diejenigen, die wirklich neue Wege gehen und das Geschichtenerzählen mit den Mitteln des Internets radikal revolutionieren werden, finden sich wahrscheinlich auch eher unter den Selfpublishern als unter uns Verlagsautoren.

Wie sollen wir damit umgehen? Können wir in irgendeiner Form die Spreu vom Weizen trennen, ohne anmaßend zu werden? Wie sollen wir uns für diese Leute öffnen? Wollen wir das überhaupt? Und wenn ja – wollen die uns überhaupt?

Viele Fragen, und auf nicht eine davon fällt mir eine Antwort ein. Aber wir werden uns ihnen stellen müssen. Nicht heute, nicht nächstes Jahr… aber irgendwann schon. Und ich vermute: bald.

 

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schreckenbergzeigt: Rocknroulette

Da ich sie (bzw. ihre Beiträge) sowieso andauernd like und von dem was sie so schreibt recht beeindruckt bin: Neu in der Blogroll (unter „Autoren“ und „Leben“) – die Rocknroulette.

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schreckenberglebt: CRIMINALE 2014 – die Grenzen des Wachstums

Fast zwei Wochen ist es nun schon wieder her, dass ich zur CRIMINALE 2014 in Nürnberg und Fürth aufgebrochen bin. Wer meine Berichterstattung von der CRIMINALE 2012 verfolgt hat (hier, hier, hier, hier, hier und hier) und mitbekommen hat, wie wehmütig ich 2013 hinterhergetwittert habe, weil ich leider nicht dabei sein konnte, den wird nicht wundern, dass ich mich fast ein Jahr lang auf das Familientreffen des Syndikats gefreut habe – und dass ich es so sehr genossen habe, als es endlich soweit war. Zumal diesmal auch Sarah mit dabei war, und meine Agentin zum ersten Mal offiziell als Amiga. 🙂

Es gibt sehr viel zu erzählen, von Kreditkarten die koppheister gehen, Leichenfotos, Reise- und Speisetipps, dem traditionellen Untergang des ruhmreichen FC Criminale, einem Drink namens „True Detective“, und, und, und…

Warum also fange ich erst so spät damit an? Nun, die CRIMINALE ist ja nicht nur stets ein großes Lese- und Literaturfestival, sie ist auch verbunden mit der jährlichen Vollversammlung des Syndikats. Und in diesem Jahr galt es, zwei sehr wichtige Weichen für die Zukunft zu stellen. Ich wollte Euch auf jeden Fall davon erzählen, aber ich bin ja nicht nur Blogger, ich bin auch Mitglied des Symdikats. Und was wir auf den Vollversammlungen besprechen ist erstmal (mit gutem Grund) intern. Also habe ich mich zunächst an das Sprecherinnen- und Sprecherteam gewandt um zu klären, welche Interna ich rausgebe und welche nicht. Das schöne ist – wir sind Autorinnen und Autoren, daher ist die Freiheit des Wortes uns allen heilig und Zensur ein Gräuel. Der Tenor der Antworten war also: „Wäre nett, wenn Du keine Zahlen preisgibst (wollte ich sowieso nicht), ansonsten: schreib einfach.“ Ich werde mich außerdem selbst beschränken, indem ich darauf verzichte, den genauen Gang der Diskussionen und einzelne Personen (außer mit Lob 😉  ) darzustellen und zu benennen. Also – heute zur ersten der beiden Weichen:

Die Grenzen des Wachstums

Das Syndikat stand mit der CRIMINALE in diesem Jahr an einem Scheideweg. Nie gab es so viele Lesungen, nie ein so großes Programm – und es gab immer noch Autorinnen und Autoren, die gerne gelesen hätten, aber keine Lesung bekommen haben, ich gehörte dazu. Allerdings hatte ich im Jahr vorher keinen Roman veröffentlicht und mein aktuellster Roman ( Sergej, erschienen 2012) ist kein Krimi. Da die CRIMINALE-Lesungen als aktuelle Werkschau der Krimiszene gedacht sind und ich – zugegeben – auch kein Promi bin, dessen Lesung für den Veranstalter aus finanziellen Gründen wichtig ist, fand ich die bedauernde Ablehnung folgerichtig und habe mich nicht darüber geärgert. Aber wie gesagt: Potential für eine NOCH größere CRIMINALE hätte es gegeben. Und Potential für ein weiteres Wachstum wäre da. Und ist das nicht sooooo wichtig, Wachstum, Wachstum, Wachstum, WACHSTUM?

Das Problem ist eben – für die CRIMINALE wie den Rest der Welt: Wachstum kostet. In diesem Falle die Veranstalterregionen, die immer höhere Summen aufwenden mussten, um Gastgeber der CRIMINALE sein zu können. Oder anders gesagt: Die CRIMINALE (wie der Rest der Menschheit) wuchs sich zu Tode. Denn es war klar abzusehen, dass die Veranstaltung in der bisherigen – oder gar noch größeren – Form keine Zukunft hatte, weil sich schlicht keine Gastgeber mehr fanden. Was also tun? Ein einfaches „Weiter so, nur kleiner“ wollte eigentlich niemand, also tat das Syndikat was man in Deutschland eben so tut: Es gründete einen Arbeitskreis, in diesem Falle unter dem Vorsitz der großartigen Kollegin (und damals noch nicht Syndikatssprecherin) Elke Pistor.

Im Laufe des Jahres haben wir Syndikatsmitglieder, die nicht in diesem Arbeitskreis waren, einiges von dessen Arbeit mitbekommen. Es gab Diskussionen über eine interne Mailingsliste, es gab Umfragen, mit denen Meinungs- und Stimmungsbilder eingeholt wurden, aber in welche Richtung es gehen würde war nicht klar. Mit entsprechend großer Spannung (und Sorge) habe ich den Bericht der Gruppe auf der Vollversammlung erwartet. Denn ich bin 2012, aus den in den damaligen Blogbeiträgen ausführlich dargelegten Gründen, ein Fan der CRIMINALE geworden. Und da ich bei der Vollversammlung schon drei Tage der CRIMINALE 2014 hinter mir hatte war klar, dass sich daran nichts ändern würde. Ich sah schon ein, dass die CRIMINALE sich ändern muss, um zu überleben. Aber eigentlich wollte ich das nicht. Als Elke sich ans Mikrofon setzte um zu berichten und vorzuschlagen hatte sie von meiner Seite also mit Skepsis zu rechnen. Wohlwollender Skepsis – aber Skepsis.

Eine Viertelstunde später war ich begeisterter Anhänger der neuen Idee. Selten haben mich Argumente, Ideen und Konzepte spontan dermaßen überzeugt und mir regelrecht  Vorfreude auf den Wandel gemacht. Wegen meines oben beschriebenen Versprechens kann ich nicht allzuviel zu dem neuen Konzept sagen, denn das hat sehr viel mit Zahlen zu tun. Nur so viel: Die CRIMINALE wird für die Veranstalter deutlich günstiger werden (die „neue“ CRIMINALE wird nur noch einen Bruchteil der alten kosten) – und gleichzeitig impliziert das Konzept, die Punkte automatisch zu verstärken und auszubauen, die mir persönlich am wichtigsten sind: Den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen und den praktischen Nutzen für mich als Schriftsteller. Dazu trägt ein vor allem ein stark ausgeweitetes Fortbildungskonzept bei, auf das ich mich jetzt schon freue. Wird es Lesungen weiterhin geben? Ja, sicher, es soll ja auch ein Krimifest, eine Veranstaltung für das Publikum bleiben. Werden es deutlich weniger sein als bisher? Ja. Muss ich also damit rechnen, dass ich nur noch in Ausnahmefällen auf der CRIMINALE lesen werde? Ja. Belastet mich das in irgendeiner Weise? Nein! Ich hatte dieses Jahr keine Lesung und trotzdem vier sehr schöne Tage und Nächte – mit dem neuen Konzept wird es noch besser werden. Ich bin wohl nicht der einzige, der so denkt, denn die Abstimmung ging mit erstaunlicher Eindeutigkeit pro neues Konzept aus.

Es gibt nur eine Veranstaltung, die ausfallen wird und der ich vielleicht nachtrauere, aber nur vielleicht. Das hängt davon ab, ob und wie der Ersatz dafür funktioniert. Fragt mich 2015 nochmal. Alles in allem, das hört man raus, denke ich, bin ich voller Vorfreude und möchte alle Krimiautorinnen und -autoren einladen, jetzt erst recht ins Syndikat zu kommen. Das wird großartig! 🙂

Auch alle anderen würde ich gerne jetzt schon zur CRIMINALE 2015 einladen, kann ich aber noch nicht machen, da der Ort noch nicht 100 prozentig fest steht. 94,7328 prozentig schon, aber das reicht nicht. Näheres verkünde ich allhier, wenn die restlichen Prozentchen dazu gekommen sind.

Und unter diesen Umständen kommt vielleicht auch ein Traum wieder in Reichweite, den ich seit 2012 im Stillen träume, für den ich mir aber langsam mal Verbündete suchen werde: eine CRIMINALE im Bergischen Land.

Morgen berichte ich Euch von der zweiten wichtigen Weichenstellung – einer Entscheidung, mit der das Syndikat seit zwei Jahren kämpft. Ein erster Teil des Kampfes ist zu Ende, eine erste Entscheidung getroffen – diesmal aber nicht ohne Kontroverse. Es geht um die Aufnahme reiner E-Book Autorinnen und -Autoren ins Syndikat. Bis morgen.

 

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Die Sonntagsfrage: Ist Pop scheiße?

Wieder Sonntag, wieder Zeit für die Sonntagsfrage aus dem Sinnfragenkombinator, welcher da ersonnen wurde von Pia Frey. Preiset sie! Preiset sie!

So, wenn Ihr fertig seid mit dem Preisen erflehe ich zunächst mal Eure Verzeihung. Letzte Woche gab es keine Sonntagsfrage, denn just um diese Zeit vor einer Woche befand ich mich auf der Rückfahrt von der CRIMINALE 2014. Und da die in Nürnberg stattfand, ich aber in Leverkusen lebe und wir (Señora und ich) vorher noch im östlichen Ruhrgebiet vorbeischauen musste, wo die Kinder geparkt waren, war keine Zeit noch die Sonntagsfrage zu schreiben. Ich versprach Euch, statt dessen von der CRIMINALE zu berichten, was ich aber, abgesehen von diesem Beitrag (mit VERLOSUNG!!! Ich verlängere hiermit die Frist bis zum 11.06., 24 Uhr, also schaut Euch das Video an! 😉  ) habe ich das auch noch nicht getan. Das hatte allerdings einen triftigen Grund – als Mitglied des Syndikats sollte man sich, bevor man Interna ausplaudert, mit den Dons und Donnas kurzschließen, sonst macht man Bekanntschaft mit Pferdeköpfen und Betonschuhen. Ich habe mich also als Freund an Don Pedro, Donna Elke und Donna Barbara gewandt und sie taten mir einen Gefallen, so dass ich Euch nun ein paar Dinge erzählen kann. Vielleicht werden sie eines Tages – und es mag sein, dass dieser Tag niemals kommt – dafür mich um einen Gefallen bitten…

Aber dazu später – heute ist Sonntagsfragentag, und nachdem wir uns beim letzten Mal der hohen Politik widmeten, geht es nun zurück in die Gefilde der Kunst und Kultur:

140601Ist Pop scheiße?

Liebe Leute! Ich war Texter DER aufstrebenden deutschen Psychobilly-Band des beginnenden 21. Jahrhunderts, bevor die sich durch interne Querelen suizidierte (die verlinkte Facebookseite ist leider nicht mehr als eine Erinnerung an große und wilde Tage). Sollte mich die CIA eines Tages zwingen, mich für EINEN Lieblingsmusiker zu entscheiden, habe ich schneller „Nick Cave“ gesagt, als die „Waterboarding“ sagen können. Und wer in die Danksagungen an die Künstlerinnen und Künstler schaut, die meine Schreibmusik liefern… ist doch wohl klar, was ich antworte, oder?

Nein, ist natürlich nicht klar. Zunächst weiß ich nichtmal, was „Pop“ (und hier als Pars pro Toto – Popmusik) eigentlich genau ist. Aber ich habe ja Glück: Señora Produktmanager, mit der ich Kinder, Tisch, Lager und Leben teile, war ja nicht immer Produktmanagerin. Vorher war sie StellvFilLeit (groß). Davor FilLeit (mittel). FilLeit (klein) davor. Und davor schlicht Buchhändlerin. Und davor Volontärin im Buchhandel. Und davor Studentin – unter anderem der Musikwissenschaften. Und davor Schülerin (Musik LK). Das war vor laaanger Zeit, und es war auch die Zeit, in der die spätere Señora von der Bestenfreundineinerfreundinmeinerbestenfreundin zu meiner Freundin wurde, aber das ist eine andere Geschichte. Was ich damit sagen will: Soviel geballte Kompetenz in Musik und Literatur wird mir ja wohl sagen können, was Pop ist. Also hub ich an zu fragen und frug:

„Señora, Liebe meines Lebens, Sonne meines Alters, Mutter meiner stattlichen Kinderschar, sage mir nun: Wie ist die Definition der Fachleute für Pop?“

Und sie öffnete ihre bezaubernden Lippen und sprach also zu mir:

„Boah, da gibt’s Tausende für. Populär halt.“

So bestätigte mir der holde Mund was ich schon vermutet hatte. Nur zur Sicherheit, nicht etwa aus Misstrauen der Geliebten gegenüber, konsultierte ich noch den Duden, der sich wieder mal um eine Definition drückt und Wikipedia, die den Begriff „Pop“ alleine nur als Eigennamen oder Abkürzung kennt. Immerhin versucht das Online-Lexikon eine Definition von Popmusik und grenzt sie von „Populärmusik“ ab. Ich darf mal zitieren:

Während Popmusik eine Sammelbezeichnung für die ursprünglich aus dem Amerikanischen stammenden populären Musikformen des 20. Jahrhunderts darstellt, die in besonderer Weise durch Kulturmischung gekennzeichnet ist.

Wenn ich mal das 20. Jahrhundert außer acht lasse (weil ich nicht den Eindruck habe, dass die Popmusik vor 14 Jahren abgeschafft wurde), könnte man diese etwas schwammige Definition auch so zusammenfassen:

Boah, da gibt’s Tausende für. Populär halt.

Ich versuche es mal selbst: Popmusik ist Musik seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, die sich eindeutig anderen Genrezuordnungen ebenso entzieht wie eindeutiger Zuordnung zu einer bestimmten Kultur und die über Genre- und Kulturgrenzen hinaus großen Zuspruch beim Publikum findet. Definiere „Mitte“, definiere „Genre“, definiere „Kultur“, definiere „groß“, definiere „Publikum“…. ja, ja ich weiß, es bleibt schwammig.

Und das gilt auch für alle anderen „Pop“-Kulturen, abgesehen vielleicht von der Pop-Art, die sich weniger über den Erfolg beim Publikum definiert, als über die scheinbare Trivialität der Themen. Trivialität ist allerdings etwas, was man allen anderen Arten des Pop auch unterstellt, in aller Regel als Vorwurf.

Muss ich „scheiße“ definieren? Nee, oder? Ist klein geschrieben, also ein Adjektiv – der Rest ist klar. 😀

Leute, die Pop(musik) per se scheiße finden argumentieren gerne mit der angeblichen Trivialität, der Tatsache, dass die Künstler damit Geld verdienen wollen (einen Vorwurf, mit dem ich demnächst mal meinen Bäcker oder einen Taxifahrer konfrontieren werde – ich habe den Verdacht, dass die mich auch nicht aus reiner Menschenliebe ernähren und chauffieren) und (besonders paradox) damit, dass sehr viele Menschen diese Musik, diese Bücher etc. mögen. Das blöde Argument von den Fliegen und dem Mist, das vor allem von Ingnoranten kommt, seien sie neidisch oder überheblich oder einfach dumm oder (gerne genommen) alles zusammen.

Gibt es Popmusik oder auch Popliteratur, die ich scheiße finde? Aber hallo! Das ist allerdings nur mein ganz persönlicher Geschmack und nichts Allgemeingültiges. Anders herum: Wie ist es denn mit „Where the Wild Roses grow“ von Nick Cave? Genrezuordnung? Indie, okay, das zweitschwammigste Genre nach „Pop“, also nicht eindeutig. Trivial? Nun ja – Begehren, Liebe, Wahnsinn und Tod. Viel wichtigere Themen gibt es nicht, der durchschnittliche Kulturbeutel würde sie aber sicher als Trivial einordnen. Wo ist denn da die politische Botschaft? Kulturübergreifend? Doch ja, das ist jetzt nicht unbedingt Ethno… 😀 Erfolgreich? Es ist, bis heute glaube ich, die erfolgreichste Singleauskoppelung, die Nick Cave und die Bad Seeds je hatten. Und das bei einem Konzeptalbum! Könnte man also als Pop bezeichnen, und viele Ex-Fans von Nick Cave haben ihm ja auch von diesem Punkt an „Verrat“ vorgeworfen (an wem?). Es ist nicht mein Lieblingsstück des Meisters, nicht einmal unter meinen Top 10, aber es ist schon verdammt gut und alles andere als exkrement.

Und wie steht es mit mir selbst? Der erfolgreichste Songtext, den ich je geschrieben habe, ist „Silence“ von der ersten CD der Boozehounds (was natürlich nicht nur mit dem Text zusammenhängt, sondern auch mit der großartigen Melodie, die mein Freund Stefan Mikus – Ex-Frontmann der Boozehounds – dazu komponiert hat). Einer der erhebensten Momente meines Lebens als Künster war, als ich 2004 in einer ehemaligen Fabrikhalle in Calella stand und hunderte Menschen (meist Frauen  😀 ) aus ganz Europa haben überall um mich herum laut dieses Lied mitgesungen. Ich kenne jemanden, die sich den Titel und die ersten Takte auf den Arm hat tättowieren lassen! Ist das Lied also kulturübergreifend populär? Offensichtlich. Ist es trivial? Na ja, es ist ein Liebeslied… Und Genre? Wer Psychobilly kennt weiß, dass das nur theoretisch ein sehr scharf definiertes Genre ist. Praktisch tummelt sich eine Menge unterschiedlicher Musik unter dem Label. Und gerade mit ihrer ersten CD haben die Hounds hier und da sehr viel mehr Swing als Punk oder -billy im Rocksound. Und das massenkompatibelste dieser Lieder ist eben „Silence“.

Also habe ich wohl selbst Pop geschaffen – und meine Bücher wären vielleicht auch Popliteratur, wären sie nur Bestseller. Ich werde also den Teufel tun, Pop scheiße zu finden. 😉

Ist also Pop scheiße? Nein! Das Feld ist viel zu weit, um ein Urteil zu fällen.

 

Verwendete Literatur:

(mangels eine Musiklexikons wieder nur:)

Frey, Pia: “Sinnfragen Kombinator“, Frankfurt 2013

Wermke, Dr. Matthias u.A. (Herausgeber): “Duden – Die deutsche Rechtschreibung”, Mannheim, Wien, Zürich (25) 2009

 

 

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