schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 49 – Der Ruf, Teil 24

Hallo, willkommen zurück, kommt näher, ich erzähle Euch eine Geschichte. Oder – falls Du zum ersten Mal hier bist – willkommen. Weil ich ja immer die Hoffnung habe, dass neue Leser*innen dazu kommen, erzähle ich jeden Sonntag, wenn die neue Quarantänegeschichtenwoche beginnt (wir gehen in die achte Woche…) kurz, was es damit auf sich hat.

Am 15. März ist meine Freundin und Co-Autorin Sarah Wassermair von uns hier in Leverkusen zurück nach Wien gefahren, um sich dort in die soziale Isolation zu begeben. Eigentlich wollte sie länger hier bleiben, Claudia und ich hatten sogar eine richtige Sightseeing-Tour mit ihr geplant (nachdem sie seit über einem Jahrzehnt regelmäßig bei uns ist, war das irgendwie mal an der Zeit 😀 ), aber da die Grenzschließung zwischen Deutschland und Österreich angekündigt war, musste sie ihren Besuch vorzeitig abbrechen, und wir haben uns an unseren jeweiligen Wohnorten isoliert.

Sarah und ich sehen uns als Geschichtenerzähler*innen, in einer Tradition, die bis zum Beginn der Menschheitsgeschichte zurück geht. Daher haben wir es als unsere Aufgabe verstanden, Euch ein bisschen Zerstreuung in dieser seltsamen Zeit anzubieten, eben, indem wir Geschichten erzählen. (Zu der Frage, warum ausgerechnet ich hier kostenlose Geschichten zum Besten gebe, sage ich die Tage mal etwas). Wir haben am 15. März damit angefangen, Sarah hat zunächst Geschichten für Kinder erzählt, ich habe Kurzgeschichten für ein älteres Publikum eingestellt (eine vollständige Übersicht gibt es hier.) Inzwischen erzählt Sarah, nach zwei kompletten Geschichten in Fortsetzungen, aus ihrem „Lexikon der Absonderlichen Arten“, ich habe, nachdem mir die Kurzgeschichten ausgegangen sind, begonnen, einen meiner Romane als Fortsetzunggeschichte zu posten.

Und von dem erzähle ich Euch heute die 24. Fortsetzung: Der Erfolg hat die im Wohnzimmer eingeschlossenen mutig gemacht, sie fassen neue Pläne. Britt bleibt, als Mahnerin, allein:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15

Der Ruf – Teil 16

Der Ruf – Teil 17

Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19

Der Ruf – Teil 20

Der Ruf – Teil 21

Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23

Der Ruf – Teil 24


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BRUCHSTELLEN

Im Haus, gegen 16.15 Uhr

„Ich weiß nicht.“ Bastian sah Justus zweifelnd an. „Alles was Du sagst stimmt, aber ich finde, es ist zu riskant.“ Er sah die anderen an. „Was meint Ihr?“

Sie saßen wieder um den Tisch, alle bis auf Philip, der die Fensterwache übernommen hatte, und Sabine. Die hatte, kurz nachdem Justus und Maike zurückgekommen waren, erklärt sie sei müde und war ins Schlafzimmer gegangen. Niemand hatte protestiert. Sie würden ihre Schlafzeiten später aufteilen, sofern das überhaupt nötig war. Doch das war Zukunftsmusik. Im Moment hatten sie andere Probleme – und vielleicht einen Weg gefunden, sie zu lösen. Maike hatte die Idee gehabt und Justus hatte sie unterstützt. Sie hatte vorgeschlagen, auf die Dunkelheit zu warten, wenn die Insekten voraussichtlich ruhiger sein würden. Dann sollten zwei von ihnen, in die schützenden Motorradklamotten gepackt, nach draußen in den Garten gehen und nach benutzbaren Handys suchen. Dass die Beiden, die schon eine Schutzanzug-Expedition hinter sich hatten, die Sache für machbar hielten, gab der Idee Gewicht. Dennoch war Bastian nicht der einzige, der skeptisch war. Auch Britt hielt nicht viel von dem Plan.

„Du hast doch selbst gesagt“, meinte sie zu Justus gewandt, „dass sie wussten, was Du vorhast. Sie wollten Dir den Weg versperren. Da draußen sind viel mehr von ihnen. Was meinst Du, was die erst machen werden.“

Justus nickte. „Du hast recht, aber Ihr vergesst eins – ich war vorhin alleine, zumindest auf dem Hinweg. Und zurück konnte Maike mir auch nicht groß helfen. Wenn wir es heute Nacht versuchen, werden wir zu zweit sein. Das heißt, einer sucht und der andere hält ihm den Rücken frei.“

„Was wird ihnen das helfen, wenn sie versuchen, zurück zu kommen und sich einer Wand von den Viechern gegenübersehen?“

„Sie haben auch versucht, uns den Weg zu versperren, als wir zurück ins Wohnzimmer wollten“, wandte Maike ein. „Justus hat uns trotzdem durchgebracht. Das ist dann eine Frage der Entschlossenheit und der Schnelligkeit.“

„Aber sie hat Recht, Schatz“, sagte Bastian eindringlich. „Es sind viel mehr da draußen. Da wird keiner durchkommen.“

„Ich weiß nicht“, überlegte Justus. „Du warst da eben nicht im Flur, Bastian und Du auch nicht, Britt, nichts für ungut. Ich halte es für machbar. Wenn Ihr im Haus auch schnell reagiert und…“

„Wieso Ihr?“, fragte Britt.

„Na ja“, Justus lächelte. „Ich denke, da außer mir keiner in den großen Anzug passt…“

„Kannst Du nicht genug davon bekommen?“ Britt sah ihn finster an.

„Hey“, sagte Maike scharf, „wenn er das nicht gemacht hätte, säße ich immer noch auf dem Klo und würde den Luftschacht anstarren. Ich bin verdammt froh darum.“

„Ich auch“, sagte Britt wütend, stand auf, ging zu der Tür zum Flur und begann, die Abdichtung darunter zu prüfen, die sie gerade erst erneuert hatten.

Maike sah ihr unglücklich nach. „Britt!“, sagte sie. Die aber antwortete nicht, sondern stopfte weiter neues Dichtmaterial unter die Tür. Justus legte Maike den Arm um die Schulter. „Es geht gar nicht um mich“, flüsterte er ihr ins Ohr.

„Ich weiß“, sagte sie ebenso leise, „Aber…“

Jemand legte ihr die Hand auf den Arm. Sie blickte auf und sah Philip an, der vom Fenster gekommen war.

„Ich rede mit ihr. Wenn mich einer von Euch einen Moment ablösen könnte?“

Bastian nickte. „Okay.“

Maike wollte aufstehen, aber Philip drückte sie mit sanfter Gewalt in das Sofa zurück.

„Lass mich erstmal.“

Er hockte sich neben Britt und nahm ihr sanft den Stoff aus den Händen.

„Wir sollten das Zeug nicht verschwenden, Britt“, sagte er leise.

Sie seufzte und lehnte sich an ihn.

„Was ist los?“, wollte Philip wissen.

„Das weißt Du genau“, flüsterte sie. „Soll er sich verdammt nochmal umbringen, wenn er meint, dass es notwendig ist. Aber er soll Dich nicht mitnehmen.“

„Britt, ich finde den Plan gar nicht so schlecht.“

„Gar nicht so schlecht. Es ist ein Scheiß-Plan. Und solche Scheiß-Pläne bringen Leute um. Habt Ihr alle schon vergessen, was heute Morgen passiert ist?“

„Britt, heute Morgen hatte keiner Schutzkleidung an, und…“

„Richtig“, zischte sie, „richtig, keiner hatte Schutzkleidung, dafür sind aber alle gerannt wie die Hasen. Ich habe auch meine Erfahrung, Philip, nur ist es eine andere als die von Justus und Maike. Ich bin gefallen, und wenn Bastian mich nicht hochgezogen hätte, läge ich jetzt da draußen, genauso tot wie Tanja und Frank. Und das war eine Sache von Sekundenbruchteilen. Wer also jetzt da raus geht, um gemütlich was zu suchen, ist lebensmüde. Es ist ein Scheiß-Plan. Und wer wird rausgehen, mit Justus, um den Scheiß-Plan durchzuführen? Wer wird der zweite Held sein, wie schon vorhin? Na?“

Philip seufzte. „Britt, ich…“

„Ja, genau, Du.“

„Britt, wenn wir es machen, dann geht es nicht anders. Ich bin der einzige, der in den anderen Anzug passt, und…“

„Bist Du nicht“, sagte Markus. Er stand da und rieb verlegen seine Hände.

„Tut mir leid, ich wollte Euch nicht belauschen, aber ich konnte mir denken, worum es geht. Ich passe auch in die grün-weiße Kombi. Ich gehe mit Justus.“

„Meinst Du, das macht es besser?“, sagte Britt wütend. „Toll, Philip bleibt bei mir. Dafür gehen Du und Justus dann drauf. Was soll daran besser sein? Es ist ein Scheiß-Plan, dabei bleibt es, und…“

„Wir sollten das alle zusammen besprechen, oder?“, meinte Markus.

„Komm Britt.“ Philip stand auf und bot ihr eine Hand. Britt nahm sie seufzend und zog sich daran hoch. Als sie zurück zum Sofa gingen, stand Maike auf und lief auf Britt zu.

„Tut mir leid“, sagte sie, „ich wollte Dich nicht so anranzen.“

Britt umarmte sie und Maike und drückte Britt fest an sich. „Ich verstehe Dich. Aber es wird klappen.“

Britt sah sie traurig an. „Nein, es ist ein Scheiß-Plan. Aber vielleicht habt Ihr Recht, vielleicht haben wir keine andere Chance.“

Die Frauen setzten sich nebeneinander aufs Sofa, nachdem Justus zur Seite gerückt war. Markus setzte sich in den Sessel, Philip ging zum Fenster, um Bastian wieder abzulösen, doch der bedeutete ihm, er solle sich an den Tisch zu den anderen setzen. Also nahm Philip sich einen Stuhl, setzte sich neben das Sofa und nahm Britts Hand.

„Also“, eröffnete er, „gibt es vernünftige Alternativen? Ich meine, außer zu warten, bis sie von selbst abhauen?“

„Wir könnten es doch vorne heraus versuchen“, schlug Justus vor. „Wenn wir schnell genug laufen, könnten wir vielleicht doch die Autos erreichen. Dann könnten wir Hilfe holen.“

„Nein“, meinte Maike, „das ist viel zu weit. Im Garten müsste man nur zur Terrasse und zurück, da liegen eine Menge Klamotten. Da ist auch Dein Handy, Justus.“

Justus zuckte mit den Schultern. „Kann sein, dass es inzwischen leer ist.“

„Ja, aber schaut doch nur mal raus,“ sagte Philip. „Da liegen Jacken rum, von der Nacht, auf jedem Stuhl hängt eine, wenn wir eine Chance haben, dann da. Der Weg vorne raus ist zu weit, selbst wenn man rennt. Dann stolpert einer, die Tücher am Hals verrutschen… Hier hinten können wir Licht machen und alles.“

„Was spricht dagegen, zu warten bis sie von alleine aufhören?“, fragte Britt.

„Das kann ewig dauern“, sagte Markus.

„Nein, maximal bis Montag. Dann wird man uns vermissen. Es wird relativ bald jemand merken, dass alle vermisst werden, die auf diese Party gefahren sind, und dann müssen sie nur noch eins und eins zusammenzählen. Bis dahin werden wir nicht verhungern.“

„Aber vielleicht verdursten“, meinte Justus.

Britt schüttelte den Kopf. „Auch das nicht. Und selbst wenn es eng werden sollte – da sehe ich lieber nochmal zwei Leute ins Bad gehen, das ist der allerkürzeste Weg.“

Die anderen überlegten.

„Ich sehe eigentlich ein ganz anderes Problem“, sagte Justus schließlich. „Ich glaube einfach nicht, dass es möglich ist, dieses Zimmer hier ganz und gar abzudichten. Und ich weiß auch nicht, wie lange Wespen und Ameisen brauchen, um sich durch so eine Tür wie die zur Küche zu fressen, oder wie lange unsere Stoffabdichtungen halten. Ich glaube einfach nicht, dass wir bis Montag Zeit haben.“

Maike nickte düster.

Britt seufzte. „Wir sollten abstimmen.“

„Okay“, meinte Maike, „also wer ist…“

„Moment“, sagte Justus, „wir sollten vorher wissen, wer geht. Also ich muss dabei sein, das haben wir geklärt, und…“

„Schon gut“, Philip sah Britt entschuldigend an, „ich…“

„Nein“, unterbrach ihn Markus, „wir haben das eben besprochen. Ich gehe.“

„Ich weiß nicht, ob es gut ist, wenn Du da raus gehst. Ich weiß es wirklich nicht.“

„Wegen Tanja?“, sagte Markus sehr leise.

„Ja. Wegen Tanja.“

„Und ich will da raus, wegen Tanja. Ich will sie nochmal ansehen. Und ich will“, seine Stimme drohte zu brechen, „ich will eine Decke über sie legen. Ich will ihr noch was sagen. Und wenn Britt Recht hat, wenn es ein Himmelfahrtskommando ist, dann bin ich eben wieder bei ihr.“

„Markus“, sagte Justus unbehaglich, „ich verstehe Dich verdammt gut, aber wir werden weder Zeit haben, groß zu trauern, noch habe ich vor, das Ganze als Kamikaze-Aktion zu sehen. Ich will wieder zurückkommen. Und das solltest Du auch wollen, wenn Du mit raus gehst.“

„Du verstehst gar nichts“, sagte Markus freundlich und wieder gefasst. „Und glaub‘ mir, ich habe nicht vor, mich umzubringen. Das würde Tanja ganz bestimmt nicht wollen. Du wirst mir die paar Sekunden Trauer lassen und ich werde mein Bestes tun, damit wir beide wieder zurückkommen. Aber Du weißt so gut wie ich, dass das, was Britt gesagt hat, was für sich hat. Und wenn sie Recht haben sollte, dann gehe ich für einen Versuch drauf, der es wert war.“

„Ich will nicht, dass irgend einem von Euch was passiert,“ sagte Britt. „Philip nicht, Dir nicht und Dir auch nicht, Justus. Lasst uns doch warten. Wir können es ja später immer noch versuchen.“

„Nein“, erwiderte Markus, „können wir nicht. Es muss in der Nacht sein, tagsüber sind die Chancen noch schlechter.“

Sie sahen sich lange an, aber es gab nichts mehr zu sagen.

„Gut“, meinte Maike schließlich. „Also Justus und Markus. Oder?“

Philip wollte etwas erwidern, aber er fing einen Blick von Britt auf und sagte nichts.

„Na dann“, schloss Maike. „Also Abstimmung. Wer ist für den Plan?“

Sie hob die Hand, ebenso Justus und Markus. Bastian folgte mit einigem Zögern.

„Dagegen?“

Britt hob die Hand.

„Philip?“

„Ich enthalte mich. Wenn ich gehen müsste, hätte ich dafür gestimmt. Aber ich kann nicht über Markus entscheiden. Wenn ihm was passiert, dann passiert es ihm, weil ich nicht gegangen bin.“

„Alles klar“, sagte Justus und nickte bekräftigend. „Die Mehrheitsentscheidung ist, dass wir gehen. Also lasst es uns so planen, dass wir auch wieder zurück kommen.“

FORTSETZUNG FOLGT

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Das Lexikon der absonderlichen Arten – Tee

Sarah war heute wieder viel schneller als ich. Und wer sie ein wenig kennt wird sich jetzt auch nicht besonders über diesen Lexikoneintrag wundern. 😉

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Tee, der:

Offiziell anerkanntes Getränk der Götter. Alle paar Jahre versucht zwar der nordische Pantheon, stattdessen Met zum offiziellen Göttertrunk zu erklären und der Olymp hat bis heute seine Nektar-Agenda nicht aufgegeben – aber beide Vorhaben werden weiterhin am entschlossenen Widerstand sämtlicher anderer Entitäten scheitern.

Wild umstritten ist auch die Frage, als was die Verwendung von Teebeuteln zu sehen ist: ein teeinhaltiges Stoßgebet? Eine lässliche Sünde? Blasphemie? Eine historische Auswirkung dieser Diskussion war das große Beutelschisma von 1630, das bis jetzt sämtlichen Beteiligten vage peinlich ist.
Kräutertee unterliegt hier so oder so in jedem Fall einer Ausnahmeregelung.

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Das Lexikon der Absonderlichen Arten – Blindschleichgorgonen

Ja… klingt niedlich, aber dann auch wieder nicht. Ich mag Kirschkuchen einfach zu sehr, um selbst auf einem enden zu wollen. 😀

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Blindschleich-Gorgone, die:

Verbringt sehr viel Zeit damit, ihren Bekannten zu erklären: „Das sind keine Schlangen, das sind Eidechsen ohne Beine! Die sind ganz lieb, ehrlich!“

Blindschleich-Gorgonen verfügen in der Regel über ein sehr großzügiges Gemüt und sind erstklassige Gastgeberinnen. Wegen einem genetischen Defekt können sie niemand in Stein verwandeln, nur manchmal in Steinobst – aus diesem Grund gibt es in jeder Blindschleich-Gorgonen-Familie auch mehrere hervorragende Rezepte für Kirschkuchen, die von Mutter zu Tochter weitergeben werden.

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 48 – Der Ruf, Teil 23

Mit der heutigen Erzählung habt Ihr jetzt ebensoviele „Ruf“-Episoden gehört, wie ich Euch vorher Kurzgeschichten erzählt habe (die herunterladbare Weihnachtsgeschichte aus dem letzten Jahr eingeschlossen). Hier ist noch einmal die komplette Übersicht.

48 Tage… wow. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir macht die Pandemie keinen Spaß. Dennoch (oder gerade deshalb, ich habe wirklich keine Lust auf eine zweite Welle) halte ich es für vernünftig, wenn wir noch eine Weile vorsichtig bleiben. Und mit vorsichtig meine ich: Freiwillig vorsichtig. Wenn wir in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften Masken tragen, wenn wir in Kinos und Restaurants hinnehmen, dass die Plätze knapper sind, weil wir Abstand halten wollen, dann kommen wir früher zu einem selbstbestimmten Leben zurück, als wenn wir den Regierenden signalisieren, dass man uns alles vorschreiben muss.

Oh – und vielleicht sollten wir uns auch daran erinnern, dass „der Markt“ einen Scheiß regelt, und dass all die Neoliberalen nach Staatshilfe krähen, wenn es ernst wird. (Das tun sie übrigens immer, mittels Lobbyismus, aber das sehen wir sonst so selten.) Eine Gesellschaft, in der JETZT der Markt alles regelte wäre wirklich apokalyptisch. Also könnten wir uns bitte ein für allemal von diesem Irrsinn verabschieden?

So, das war das Wort zum Sonntag. Im „Ruf“ haben wird dafür heute der erste so ausdrücklich benannte Held geboren:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15

Der Ruf – Teil 16

Der Ruf – Teil 17

Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19

Der Ruf – Teil 20

Der Ruf – Teil 21

Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23


Im Haus, gegen 15.15 Uhr

Sie hatten jeder die Motorradkombinationen anprobiert, wobei sich schnell herausgestellt hatte, dass Britt und Bastian nicht in Frage kamen, sie waren beide zu schmal und Britt dazu noch zu klein. Ihre Versuche mit Simons grün-weißer Kluft hatten zu allgemeiner Erheiterung geführt, die Klamotten von Khan, der ein gutes Stück größer und breiter gewesen war als Simon, hatte sie gar nicht erst anprobiert. Sabine passte zwar von der Weite her gut in Simons Anzug, aber auch bei ihr waren Arme und Beine eindeutig zu lang. Philip und Markus dagegen passte die grün-weiße Lederkombi gut, ebenso der dazu passende weiße Helm. Und Justus war der einzige, der groß genug für Khans Anzug war, und der Helm schien wie für Justus gemacht. Probleme dagegen gab es mit Khans Stiefeln und Handschuhen, in die Justus‘ Pranken kaum passten. Aus seinem Koffer holte er daher ein Paar Camel-Boots, das er für den Fall einer Wetteränderung mitgenommen hatte. Es ließ sich befriedigend dicht an die schwarze Gore-Tex-Hose anschließen.

„Okay“, sagte Justus, nachdem er den Helm wieder ausgezogen hatte. „Es kommen also nur Markus, Philip und ich in Frage. Ich schlage vor, ich gehe.“

„Wieso?“, fragte Philip.

„Nun, ich denke, es kann nur einer gehen, da wir Maike in die andere Kombi packen müssen. Passen wird ihr keine, aber in Simons Zeug passt sie immer noch besser rein als in Khans.“

Das leuchtete ein. Bastian ging zur Wand und klopfte dagegen.

„Maike? Hörst Du mich?“

„Sicher, ich habe ja sonst nicht viel Ablenkung“, kam es dumpf von der anderen Seite. Die anderen sammelten sich um Bastian.

„Wie geht es Dir?“, fragte Britt.

„Soweit ganz gut. Es kommen immer wieder einzelne Viecher an den Handtüchern im Luftschacht vorbei, das macht mir ein bisschen Angst. Aber bisher waren es wirklich nur einzelne, ich konnte sie immer… Moment…“

Sie hörten, wie sie das Wasser aufdrehte. Maike fluchte unverständlich.. Dann klatschte es zweimal und sie kam zurück.

„Da waren wieder zwei Wespen. Aber zum Glück habe ich ja die Brausen und genug Handtücher. Aber wenn ihr vielleicht…“

„Wir holen Dich raus, Schatz“, sagte Bastian. „Wir holen Dich gleich raus.“

Ein Moment Stille auf der anderen Seite. Dann: „Wie wollt Ihr das denn machen?“

„Ich werde mir eine von den beiden Motorradkombis anziehen“, erklärte Justus. „Dann komme ich zu Dir rüber. Ich bringe die andere Kombi mit. Die ziehst Du an, dann können wir sicher wieder zurück. Sollte ‘ne Sache von fünf Minuten sein.“

Maike lachte, was durch die Wand ein wenig gespenstisch klang. „Dein Wort in Gottes Ohr. Was ist, wenn mir das Zeug nicht passt?“

„Es wird Dir nicht passen. Wir dichten es ab, mit Handtüchern, Waschlappen oder Klopapier, es muss ja nur vom Bad bis zum Wohnzimmer halten.“

Wieder Stille.

„Ist was, Maike?“, fragte Bastian. „Alles in Ordnung?“

„Ja, ich denke nur nach. Die eine Kluft passt Dir, Justus? Kannst Du Motorrad fahren?“

„Nein. Nicht richtig.“

„Hm, schade. Hast Du denn die Schlüssel von Deinem Auto greifbar?“

„Ja, die sind in meinem Koffer.“

„Warum gehst Du dann nicht einfach zu Deinem Wagen, fährst weg und holst Hilfe?“

Sie sahen sich an. Diesen Punkt hatten sie schon während der Anprobe besprochen.

„Wir glauben“, antwortete Philip, „dass der Weg zu lang ist. Wir wissen nicht, wie dicht die Sachen wirklich sind. Und was passiert, wenn sich die Viecher massenweise auf einen setzen. Im Grunde ist die Aktion jetzt auch ein Test. Auf der kurzen Strecke werden nicht so viele in den Anzug kommen, dass sie Justus wirklich gefährlich werden können – oder Dir. Wir können sehen, was sie machen. Je nachdem, was passiert, können wir überlegen, was wir weiter planen können.“

Maike antwortete wieder eine Weile nicht. „Klingt logisch“, sagte sie schließlich. „Was soll ich machen, kann ich von hier aus was vorbereiten?“

„Mach ein paar Handtücher und Waschlappen nass“, sagte Justus. Und wenn’s geht, reiß ein paar davon in Fetzen. Das ist handlicher.“

„Die Handtücher sind ziemlich dick, aber mir fällt schon was ein. Wann kommst Du?“

„Ich mache mich in den nächsten Minuten auf den Weg. Sei darauf vorbereitet, mir die Tür schnell aufzumachen.“

„Alles klar. Dann bis gleich.“

Sie packten Justus ein, so gut es ging. Um seine Fesseln, wo Stiefel und Hose sich trafen, wickelten sie Tücher, ebenso schützten sie seinen Hals zwischen dem hohen Kragen der Gore-Tex Jacke und dem Helm. Unten in den Helm stopften sie zusätzlich Stofffetzen, bis Justus befürchtete zu ersticken. Danach wickelten sie mehrere Lagen Stoffstreifen um seine Hände. Schließlich schloss er das Visier. Sie warteten eine Weile.

„Und“, fragte Britt, „beschlägt es?“

„Nein, alles wunderbar, ich…“

„Moment“, unterbrach Bastian und schloss die Lüftung am Helm. Er grinste Britt an. „Gut, dass Du gefragt hast. Sonst hätten sie den Vordereingang zu seinem Gesicht benutzen können.“

„Jetzt beschlägt es doch ein bisschen“, meldete Justus.

„Schlimm?“

Er wartete einen Moment. „Nee, geht. Ich gehe sie holen.“

Er nahm den Koffer auf, in den sie die zweite Schutzausrüstung für Maike gepackt hatten. Sie klopften ihm auf die Schulter und den Helm, wünschten ihm alles Gute, dann schloss sich die Tür hinter ihm und er war alleine. Justus sah sich um. Um Mund und Nase war das Helmvisier inzwischen doch ziemlich beschlagen, er sah nur noch durch eine freie Zone, die ein wenig an eine Schneebrille erinnerte. Doch was er sah, reichte ihm.

Sie waren nun überall, in der Luft, an den Wänden, an der Decke und auf dem Boden. Den dichten Teppich, als der sie den anderen Teil des Flures gefüllt hatten, gab es nicht mehr, statt dessen waren sie der Flur selbst geworden, beherrschten den Raum. Der Belagerungsring war endgültig geschlossen.

Sie beobachteten ihn. Schon während ihrer Expedition in das obere Stockwerk war Justus im Grunde klar geworden, dass sie es hier nicht mehr mit Insekten im üblichen Sinne zu tun hatten. Aber er hatte immer noch an etwas Natürliches geglaubt, irgendeine Veränderung des ökologischen Gleichgewichts im Wald vielleicht oder eine Massenmutation, ausgelöst durch Umstände, die er nicht kannte. Aber das hier war mehr.

Sie umkreisten seinen Kopf wie kleine Monde, hin und wieder landeten ein paar Tiere auf ihm und versuchten, in seinen Schutzanzug einzudringen. Aber es waren keine zufälligen, planlosen Versuche. Im Gegenteil, sie waren Ergebnis einer fast nachdenklichen Beobachtung. Sehr schnell entdeckten sie die Helmbelüftung als mögliche Schwachstelle und Justus dankte Bastian innerlich für dessen Umsicht. Das planvolle, kluge Vorgehen der kleinen Tiere machte ihm mehr Angst, als ihre Masse es je gekonnt hätte. Er spürte, wie sein Adrenalinspiegel stieg, spürte sein Herz kräftiger und schneller schlagen, fühlte seinen eigenen Atem, schneller und heißer.

‚Ruhig. Ganz ruhig.‘

Nur ein paar Schritte, rechts von ihm war die Tür zum Bad.

Sie merkten es.

Er spürte eine Veränderung in der Luft und sah, dass das Gewimmel vor der Badezimmertür dichter wurde. Nun gut (,Ruhig, ganz ruhig.‘), er wollte sehen, ob es möglich war, sie zu täuschen. Er wandte sich nicht nach rechts, dem Badezimmer zu, sondern ging weiter. Die Insekten warteten noch einen Augenblick, dann änderten sie ihre Taktik. Er sah aus dem Augenwinkel, dass sie die Tür zum Bad wieder frei machten, dafür verdichtete die Wolke sich jetzt vor ihm, um ihm den Weg zu Küche und Ausgang abzuschneiden. Justus zwang sich zu tiefem, ruhigem Atem. Er ging noch ein paar kurze Schritte auf die Haustür zu, dann wirbelte er herum, sprang mit vier langen Sätzen zur Badezimmertür und warf sich dagegen. Maike, die direkt hinter der Tür stand, hörte den Aufprall, reagierte sofort und riss sie auf. Justus fiel mehr hinein als dass er ging, ließ den Koffer fallen, hörte die Tür zuschlagen und spürte im nächsten Moment durch die dicke Motorradkleidung, wie Maike auf ihn einschlug, vermutlich mit einem Handtuch. Er legte sich flach auf den Bauch und wartete, bis sie fertig war, dann drehte er sich vorsichtig um. Maike half ihm, den Helm abzunehmen. Als er ihn los war, atmete Justus erst ein paarmal tief durch. Erst jetzt merkte er, dass er völlig verschwitzt war. Maike hockte sich neben ihn.

„Alles in Ordnung bei Dir?“

Er nickte unter Keuchen. „Ja… ja, alles okay. Hast Du sie… waren viele an mir?“

Maike schüttelte den Kopf. „Nein, nicht viele. Und ein paar sind mit Dir durch die Tür gekommen. Ich denke, ich habe sie alle erwischt.“

Justus stand auf und registrierte verwundert, dass Maike keine Hose mehr trug. Ihr gebatiktes T-Shirt hing ihr halb bis zu den Knien, darunter guckten ihre bloßen Beine hervor. Er sah sie erstaunt an.

„Was ist mit Deiner Hose?“

Maike lachte. „Die habe ich kaputt gerissen. Ging sehr gut, dünner, leichter Stoff. War nicht wirklich schade drum, ich habe noch einige von der Art. War viel leichter, als zu versuchen, die Handtücher zu zerreißen.“

Jemand klopfte von der anderen Seite an die Wand.

„Maike? Justus? Alles okay?“ Es war Britt.

Maike ging zur Wand. „Ja“, rief sie, „er ist bei mir.“

„Was war das für ein Lärm?“, fragte Bastian.

„Die Biester haben versucht, mir den Weg abzuschneiden“, antwortete Justus. „Aber ich habe sie ausgetrickst.“

Eine Weile Stille. Dann wieder Britt.

„Sie haben was?“

„Sie wollte mir den Weg zum Bad versperren.“

„Das heißt“, fragte diesmal Philip, „sie wussten, was Du vorhattest?“

Justus zögerte einen Moment, aber es hatte keinen Sinn mehr, sich selbst zu täuschen. „Sie haben es zumindest vermutet.“

„Scheiße.“

„Hört zu, ich weiß, wie das klingt, aber…“

„Nein, nein, ich glaube Dir“, sagte Philip. „Aber wenn man das zu Ende denkt… “

„Bist Du ganz sicher?“, fragte Sabine.

Justus sah Maike an und rollte mit den Augen. Sie machte eine beschwichtigende Geste. Justus seufzte.

„Nein, wie kann man bei sowas ganz sicher sein“, sagte er, wieder zur Wand hin. „Aber es sah nicht gerade nach einem Zufall aus.“

Stille auf der anderen Seite.

„Okay“, sagte Sabine schließlich, so leise, dass er es gerade verstand. Justus sah eine Weile ratlos die Wand an, dann wandte er sich wieder an Maike

„Okay? Was soll das heißen?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Gib ihr Zeit. Ich glaube, sie kommt von uns allen am schlechtesten damit zurecht.“

Er lachte bitter. „Sag das mal Markus.“

„Nein, vom Kopf her, meine ich. Eigentlich ist die rationale Fraktion bei uns ja eher stark vertreten – zumindest, sofern ich Euch von früher kenne. Aber Sabine ist im Gegensatz zu Dir oder Britt nicht in der Lage, umzudenken wenn es nötig ist. Oder zumindest fällt es ihr viel schwerer. Das meinte ich damit, dass Du ihr Zeit geben solltest.“

„Hm“, machte Justus.

„Was kann es schaden? Lasst sie ein wenig in Ruhe.“

„Wenn Du meinst.“ Er drehte sich wieder zur Wand. „He, seid Ihr noch da?“

Eine kurze Stille, dann antwortete Bastian. „Ja, klar.“

„Ich werden Maike jetzt einpacken. Dann kommen wir rüber. Ich sage vorher nochmal Bescheid, sorgt dafür, dass die Tür schnell auf und wieder zu geht und das ein Paar Leute mit Haarspray und irgend was zum Schlagen bereitstehen, es könnte ziemlich kritisch werden.“

„Wieso?“

„Weil ich sie diesmal kaum werde verarschen können. Sie wissen, dass wir hier raus kommen werden und sie werden auch wissen, wo wir hin wollen. Wird also nicht ganz angenehm. Alles verstanden?“

„Ja.“

Als er sich zu Maike umdrehte, hatte die die grün-weiße Kombi schon angelegt. Sie sah kritisch an sich hinunter und schmunzelte.

„Na ja.“

Justus nickte lächelnd. „Das ging schnell.“

„Routine. Aber irgendwie passt sie nicht richtig.“ Sie schlackerte grinsend mit den viel zu langen Ärmeln.

„Fährst Du Motorrad?“

Sie nickte. „Bastian und ich haben eine Maschine zusammen.“

Justus sagte nichts. Maike lachte.

„Du meinst, das passt nicht zu uns, stimmt’s?“

Er grinste schuldbewusst. „Irgendwie…“

Sie lachte wieder uns winkte ab. „Kein Problem. Sag mir lieber, wie ich mich in den Klamotten bewegen soll.“

Justus sah etwas ratlos auf ihre Füße. „Eigentlich dachte ich, wir machen die Reißverschlüsse auf, binden die Beine so weit wie möglich hoch, Du ziehst Schuhe an und wir verstopften die Zwischenräume mit Stoff. Aber Du hast nur Deine Sandalen, oder?“

„Ja.“

„Hmmm…“

„Wir könnten die Hosenbeine so lang lassen, sie mit Handtüchern verstopfen und unten zubinden. Wie eine Wurst.“

„Und Du meinst, dann kannst Du noch laufen?“

Maike zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ein wenig eierig…“

Justus schüttelte den Kopf. „Wir können uns nicht leisten, dass Du hinfällst. Ich habe ‘ne bessere Idee. Ich werde Dich tragen, das ist die beste Lösung.“

Sie sah nicht überzeugt aus. „Meinst Du?“

„Klar. Wo hast Du die Handtücher?“

„Da, im Waschbecken.“

Justus nahm die nassen Tücher heraus und begann, sie in die Ärmel zu stopfen. Maike lachte.

„Das fühlt sich vielleicht eklig an.“

Justus lachte mit. Maike setzte sich auf den Toilettendeckel und streckte die Beine von sich. Er schloss die Reißverschlüsse und stopfte auch hier Handtücher in die Lederröhre. Schließlich band er Ärmel und Beine mit Stoffstreifen von Maikes Hose zu und betrachtete zufrieden sein Werk.

„Na, wie fühlt es sich an?“

Sie lächelte säuerlich. „Sei mir nicht böse – beschissen. Ich komme mir vor, wie so’ne gestopfte Puppe. Aber ich denke, es ist dicht.“

Er nickte. „Darauf kommt es an. Jetzt lass uns mal sehen, wie das mit dem Helm klappt.“

Khans Helm war Maike selbstverständlich auch zu groß, aber das ließ sich mit zwei Handtüchern und einer Menge Hosenfetzen zwischen Helm und Kragen beheben. Justus zog Simons Helm wieder an, dichtete ihn noch einmal ab, ersetzte einige Binden an seinen Händen und sah Maike an. Die sah tatsächlich ein wenig wie eine lustige Puppe aus, wie sie da mit zugebunden Ärmeln und Hosenbeinen auf dem Klo saß.

„Bereit?“

Sie nickte.

„Okay, dann los.“

Maike klappte ihr Visier mit dem Unterarm runter, Justus ging in die Knie, sie ließ sich auf seinen Rücken fallen, umschlang seine Hüften mit den Beinen und legte die Arme um seinen Hals. Er nahm sie vorsichtig hoch. Sie kam ihm leicht vor. Justus drehte sich noch einmal zur Wand.

„Hört Ihr?!“, rief er laut.

„Ja!“, rief Philip zurück.

„Haltet Euch bereit. Wir kommen jetzt!“

Justus nickte und Maike schloss sein Visier. Dann gingen sie zur Tür. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und presste sich eng an ihn. Justus öffnete die Tür mit der Rechten.

Wieder im Flur. Schnell sein, schnell diesmal. Ja, sie waren da, dicht und hart, ein Sturm. Sie prasselten an seinen Helm, schlugen an die Kleidung. Er hörte Maikes keuchenden Atem. Sie presste sich noch härter an ihn, umschlang ihn mit den Beinen so fest, dass es weh tat und er wünschte, er könnte sie in sich aufnehmen, sie einschließen und beschützen.

Schnell sein.

Er sprang mehr als dass er lief, aber er kam sich vor, als bewege er sich in Zeitlupe.

Schnell sein.

Da war die Tür.

Er ließ die rechte Faust vorschnellen, traf die Tür und auf der anderen Seite reagierten sie gut, die Tür flog auf, kaum dass er sie berührt hatte, Hände packten ihn und zogen, er sah Philip, Britt und Markus, sah Bastians bleiches, ängstliches Gesicht. Maikes Gewicht, so gering es ihm erschienen war, drückte ihn nach vorne, er strauchelte, er fiel, hielt sie auch im Fallen fest und schlug hart auf. Der Schmerz war erträglich. ‚Guter Helm‘, dachte er.

Wieder Schläge, Tücher und Zeitungen und der eklige Geruch von Haarspray, der sich verspätet in den Helm stahl. Stimmengewirr. Maike wurde von ihm gehoben. Britt und Philip richteten ihn auf und Britt half ihm aus seinem Helm. Sein Blick traf ihren für eine Sekunde und er sah die Wut, die immer da war. Aber auch mehr: Dankbarkeit.

Wenn sie ihn so ansehen konnte, weil er Maike rausgeholt hatte, Maike, die ihr noch vor 24 Stunden herzlich egal gewesen war, dann gab es Hoffnung. Ein Lächeln flog über sein Gesicht und wenn sie es auch nicht erwiderte, so nickte sie doch zumindest. Dann drehte sie sich weg und sah nach Maike.

Philip half ihm hoch und kaum dass er stand, flog Maike, der Britt und Bastian unterdessen die Füllung aus der Kombi geholt hatten, ihm um den Hals.

„Danke“, flüsterte sie ihm ins Ohr und küsste ihn auf die Wange.

Er setzte sie ab, drückte sie nochmal an sich und grinste verlegen in die Runde.

„Seht mich nicht so an, verdammt.“

„Quatsch“, verkündete Maike und knuffte ihn in die Seite. „Du bist mein Held.“

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 47 – Der Ruf, Teil 22

Kommt ans Feuer, lasst Euch eine Geschichte erzählen – beziehungsweise weiter erzählen. Ihr glaubt, unseren Freunden die im Wohnzimmer eingeschlossen sind, geht es dreckig? Nun ja – alles ist eine Frage er Perspektive…

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15

Der Ruf – Teil 16

Der Ruf – Teil 17

Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19

Der Ruf – Teil 20

Der Ruf – Teil 21

Der Ruf – Teil 22

In der Sauna, gegen 14.30 Uhr

„Es nützt nichts – sie hören uns nicht.“ Simon ließ sich erschöpft auf den Boden unter dem Fenster fallen. Chris hockte sich neben ihn und sah ihn unglücklich an.

„Aber Du bist sicher, dass Du vorhin was gehört hast. Drüben, meine ich?“

Simon nickte. Sie hatten es immer wieder versucht, erst viertelstündlich, dann stündlich, und er hatte Chris‘ Frage immer wieder beantwortet, aber er war ihr nicht böse. Inzwischen stellte er sie sich selbst. Dennoch: „Ja, ganz sicher.“

Chris stand wieder auf und sah aus dem Fenster, aber da war nichts anders als vorher. Garten. Bäume. Insekten. Tote.

„Haaaaaaalloooooooo!!!“, schrie sie noch einmal aus Leibeskräften. „Ich bin‘s, Chris! Haaaallooooo!!!“

Sascha murmelte etwas, sie liefen zu ihm.

„Was hat er gesagt?“, fragte Chris.

„Keine Ahnung. He, Sascha. Bist Du wach?“

„Soll denn das Geschrei?“, nuschelte Sascha. „Will schlafen.“

„Simon glaubt, dass er drüben im Haus was gehört hat“, erklärte Chris eifrig. „Vielleicht sind da noch ein paar von den anderen. Wenn wir nicht die einzigen sind, die es geschafft haben, dann…“

Er drehte unter leisem Stöhnen seinen geschundenen Kopf und sah sie an. Seine Augen waren offen und klar, doch Chris kamen sie leer vor. Sie schauderte.

„Was meinst Du“, fragte Sascha, jetzt deutlich. „Was haben wir geschafft?“ Er sah die beiden fragend an. „Außerdem habe ich Hunger“, setzte er hinzu.

Simon, der wenig gefrühstückt hatte und dessen Magen sich auch schon des öfteren beschwert hatte, nickte traurig. „Wir haben nichts zu essen, Mann. Wir haben genug Wasser, aber leider…“

„Nichts zu essen?“ In Saschas Stimme lagen Unverständnis und Empörung. „Was ist denn das… für ‘ne… Scheiß Party.“ Seine Augen wurden wieder trübe, die Augenlider flatterten und schlossen sich. „Scheiß Party!“ murmelte er noch einmal, dann schlief er wieder. Chris sah Simon an und brach in Tränen aus. Er nahm sie in den Arm und versuchte, sie zu beruhigen.

„Hey, er weiß nicht, was er sagt.“

Sie zitterte und schluchzte an seiner Schulter. „Hat recht“, verstand er unter ihren Tränen, „Er hat recht… Scheiß Party…“

Er streichelte ihr Haar. „Es war eine schöne Party. Du hast alles richtig gemacht. Du kannst doch nichts dafür, dass die Viecher durchgedreht sind, hm?“

„Weiß nicht.“ Sie weinte immer noch. „Ich hätte doch… hätte auch zuhause feiern können. Ich habe… ’ne ganz schöne Wohnung, mit ’nem riesen Balkon, da hätten wir alle reingepasst, und…“

„Ach Quatsch, das wäre doch nicht das selbe gewesen. Die Idee war doch das Revival, hier, wo wir damals gefeiert haben. Mit dem See, den Feuern, mit allem, was dazugehört und…“

„Aber sie sind tot, Simon“, schrie sie, „sie sind alle tot, weil ich sie hierhin eingeladen habe. Wenn ich nicht diese blöde Revival-Idee gehabt hätte, würden sie alle noch leben, Andreas und Martina und Stephan… und Kat.“ Sie vergrub das Gesicht verzweifelt in den Händen und weinte hemmungslos. Er hielt sie, streichelte sie und versuchte, ihr soviel Trost zu geben, wie er konnte. Simon hatte höllische Angst, aber er hatte Hoffnung. Er wusste doch, dass er die Stimmen im Haus gehört hatte und von dort aus würde es sicher einen Weg geben, Hilfe zu holen. Sie mussten nur warten. Und er musste aufpassen, dass die beiden nicht durchdrehten. Sascha schien im Moment ziemlich neben der Spur, aber er das war bei der Schwere seiner Verletzung auch nicht weiter verwunderlich. Aber Chris wollte er nicht verlieren.

„Chris“, flüsterte er ihr nach einer Weile leise ins Ohr. „Geht’s wieder?“

„Nein“, murmelte sie.

Er nahm ihre Hände in seine, rückte ein Stück von ihr ab, sah ihr genau in die Augen und versuchte, seiner Stimme einen festen Klang zu geben.

„Chris, glaub mir: Es ist nicht Deine Schuld. Du hast von diesen Viechern nichts gewusst. Wenn Du schuld bist, weil Du uns eingeladen hast, dann haben wir alle selbst genau so viel Schuld, weil wir gekommen sind.“

Sie rückte wieder zu ihm, lehnte sich an ihn und ließ sich umarmen. Es klang gut, was er sagte. Es klang richtig. Sie hatte in ihren Erinnerungen gekramt, endlos, um irgendeinen Anhalt zu finden, irgendein ähnliches Verhalten in all den Jahren, aber sie hatte nichts gefunden. Selbst die Wespen, die damals im Schuppen ihr Nest gebaut hatten, hatten sich ziemlich friedlich verhalten, sie hatten das Nest nicht einmal entfernen lassen, so wenig Probleme hatte es bereitet. Und Ameisen waren immer mal ins Haus gekommen, klar, aber nie in Massen oder auf bedrohliche Weise. Bis zum heutigen Tag war sie in ihrem ganzen Leben genau einmal von einer Wespe gestochen worden, und das war nicht hier gewesen, sondern als Kind auf einem Spielplatz. Es hatte keinerlei Anhalt gegeben, d so etwas passieren konnte. Es hatte nicht einmal einen Anhalt gegeben, dass so etwas überhaupt passieren konnte. Und dennoch. Sie waren hier gewesen. Ihretwegen. Chris seufzte und kuschelte sich enger an Simon. Sein Trost tat gut, trotz allem. Sie sah ihn dankbar an.

„Du bist lieb“, sagte sie.

„Ich versuche nur, Dir zu helfen. Es hat keinen Sinn, wenn Du Dich so quälst.“

Sie atmete tief durch und nickte. „Nein, Sinn hat es wohl keinen. Aber ich kann es nicht so sehen, weißt Du? Sie waren nun mal wegen mir hier.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich verstehe, was Du meinst. Aber es ist falsch.“

Sie streichelt wortlos den Arm, mit dem er sie hielt. In der Sicherheit seiner Umarmung löste sich ihr Geist langsam von den Selbstvorwürfen und wandte sich praktischeren Problemen zu.

„Ich glaube, Sascha weiß nicht mehr, was passiert ist“, sagte sie nach einiger Zeit flüsternd.

„Fürchte ich auch.“

Chris seufzte. „Ich habe auch Hunger. Verdammte Scheiße.“

Simon lachte unfroh. „Ja, wir haben echt die Arschkarte gezogen. Die im Haus haben wenigstens ‘ne ganze Küche voller Futter.“

„Was meinst Du, wie verwirrt er ist?“

„Sascha?“ Simon sah den Schlafenden zweifelnd an. „Keine Ahnung. Es hat mir nicht gefallen, wie er uns angesehen hat. Wir werden auf ihn aufpassen müssen. Womöglich reißt er in einem unbeobachteten Moment die Tür auf, oder so.“

Chris drückte Simon noch einmal, dann stand sie auf, ging zum Fenster und sah nachdenklich hinaus.

„Ich wüsste zu gerne, wer da im Haus ist. Und wie es ihnen geht.“

Simon trat neben sie. „Ich hoffe, sie finden einen Weg, uns alle hier raus zu holen. Sie werden mehr Möglichkeiten haben als wir. Und vermutlich sind sie auch mehr Leute.“ Er seufzte und grinste bitter. „Verglichen mit uns leben sie wahrscheinlich wie Gott in Frankreich.“

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