schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 57 – Der Ruf, Teil 32

Hallo zusammen, ich hoffe, Ihr habt einen guten Start in die Woche. Und nachdem ich gestern eine längere Vorrede gehalten habe, fange ich heute direkt an zu erzählen. Die Expedition in den Garten geht in die entscheidende Phase:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31


Der Ruf – Teil 32


Im Garten, 22.33 Uhr

Justus hatte sein Handy gefunden, einen kurzen Blick darauf geworfen und innerlich einen wilden Freudenschrei ausgestoßen. Es war ausgeschaltet. Der Akku würde voll sein. Er hielt es hoch, zeigte es den anderen.

Ja!

Das waren zwei, mit dem, das Markus gefunden hatte, es musste mit dem Teufel zugehen, wenn nicht zumindest eines davon ein Netz bekam.

Ja!

Ja!

Er tastete die letzte Jacke ab – leer – und ging zurück.

Sie würden es schaffen.

Sie würden Hilfe rufen und hier raus kommen.

Sie würden…

„Du musst das Buch holen!“

Er zuckte zusammen und sah sich um. Im selben Moment wurde ihm klar, dass die Stimme in seinem Kopf sein musste, so laut konnte hier draußen niemand sprechen.

‚Na toll,‘ dachte Justus, ‚ auf den letzten Metern fange ich an Stimmen zu hören. Na ja, zumindest…‘

„Ich brauche das Buch. Wir brauchen das Buch. Hol es, Justus!“

Zu seinem eigenen grenzenlosen Erstaunen drehte Justus sich um, weg von der rettenden Tür, hin zum Garten, und begann, auf den Schuppen zuzugehen.

Weit, weit weg von jeder Sicherheit.

Er versuchte verzweifelt, sich umzudrehen, zurückzugehen, aber er konnte nicht. Er hatte keine Herrschaft mehr über seinen Körper. Die Stimme regierte. Diese völlig kalte, leere Stimme, die ganz entfernt vertraut klang. Irgendwie…

‚Stephan?‘

„Jaaaaa,“ sagte die Stimme. „Wir brauchen das Buch!“

Im Haus, 22.34 Uhr

„Was zum Teufel macht der da?“, fragte Philip.

Maike presste beide Hände an die Scheibe.

„Nein!“, schrie sie. „lass das! Du hast doch das Handy!“ Sie schluchzte auf. „Komm zurück! Du hast es versprochen!“

Sie klopfte an die Scheibe. Markus drehte sich um. Maike zeigte auf Justus, der immer weiter in den Garten ging. Markus zuckte mit den Schultern und machte eine ratlose Geste.

Sie hörten ein Geräusch über sich, ein Schleifen, und alle schauten zur Decke. Markus schien es auch gehört zu haben, er sah ebenfalls nach oben.

„Was war das?“, fragte Britt.

Im Garten, 22.34 Uhr

Der Meister hatte gesprochen.

Sie hatten seinen Willen gefühlt.

Ein Wille.

Einer von jenen hatte sich anders verhalten, als es vorhergesagt worden war.

Gleichgültig.

Ein Wille regierte.

Die Falle schnappte zu.

Im Garten, 22.34 Uhr

Natürlich. Das war es gewesen.

Markus sah die Insekten, die wie ein Wasserfall vom Dach auf ihn herniederstürzten und begriff.

Das Dach.

Das war es, was er gesehen hatte, was ihm seltsam vorgekommen war. Schade, dass es jetzt zu spät war.

Als sie über ihn kamen fragte er sich einen Moment lang, ob die dichte Kleidung ihn schützen würde, bei so vielen Feinden. Sie schützte ihn tatsächlich, zuerst, doch das war ohne Belang. Das Gewicht der Insekten brachte ihn ins Stolpern, er drückte nutzlos auf die Haarspraydose, und als er wieder aufstand, war er blind. Durch das Visier des Helmes sah er nichts als eine Ahnung unzähliger, wimmelnder kleiner Leiber.

‚Das Handy‘, dachte er, ‚ich muss ihnen das Handy geben.‘

Er drehte sich im Kreis, doch er hatte keine Ahnung, wohin er gehen musste, er taumelte blind vorwärts und fiel nach ein paar Schritten, vermutlich über einen Stuhl.

Falsche Richtung, schade.

Er versuchte, sich noch einmal aufzurappeln und spürte, wie eines der Tücher an seinem linken Knöchel sich löste. Sie fanden die Lücke allzu schnell, stachen ihn in den Fuß, viele, viele Male. Immer noch blind ging er erneut zu Boden, endgültig diesmal.

Mit seinen letzten Bewegungen riss er sich die Kleidung auf, es sollte schnell gehen, er wollte nicht warten, bis sie ihn langsam von unten erobert hatten. Es war vorbei, wozu noch warten.

Sie waren da.

Der Schmerz kam.

Er hatte versagt, aber er hatte sein Bestes gegeben, er hatte sich nichts vorzuwerfen, abgesehen von diesem dummen Fehler mit dem Dach.

Dumm, dumm.

Es tat ihm Leid für die anderen.

Der Schmerz ging.

Tanja.

FORTSETZUNG FOLGT

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Das Museum Essentieller Artefakte – Irrlichtkriegsbemalung

Und ist es ein Zufall, dass Sarah heute ausgerechnet von Irrlichtern erzählt? 😀 Wobei ich deren Art von Krieg eigentlich viel erbaulicher finde, als unsere.

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

Ausstellungsstück Nr. 9909,

Neonfarben für die Kriegsbemalung eines Irrlichts

Das Problem damit, wenn verfeindete Irrlicht-Clans gegeneinander in den Krieg ziehen, ist eigentlich ein recht Offensichtliches. Nämlich, dass es in ihrer Natur liegt, jeden in die Irre zu führen, dem sie begegnen. Das ist ein Reflex und nichts, über das sie bewusste Kontrolle hätten. Das betrifft nun aber dummerweise nicht nur menschliche Wanderer, die sich in ihr Moor verirren, und hin und wieder mal einen Fuchs oder Hirsch – sondern eben auch Mitglieder ihrer eigenen Art. Es ist für zwei Irrlichter schon schwierig genug, sich gegenseitig lange genug zu finden, um Nachkommen zu zeugen. Zwei ganze HEERE, die sich treffen wollen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Folglich ist die Kriegsführung von Irrlichtern eine ausgesprochen frustrierende Angelegenheit, bei der sich alle fürchterlich in die Mordlust hineinsteigern, sich die flackernden Gesichter mit Kriegsbemalung beschmieren und wilde Kriegsgesänge kreischen – um dann dann tagelang grummelnd…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 56 – Der Ruf, Teil 31

Wieder ist es Sonntag, zum 56. mal zünden Sarah und ich unsere Geschichtenfeuer an. Als ich als Kind in der Grundschule das Einmaleins lernen musste, war meine Hassaufgabe 7 x 8, weswegen sich die Lösung auf immer in mein Gedächtnis gebrannt hat: Siebenmalachtistsechsundfünfzig. Oder anders: Heute beginnt die neunte Woche der Quarantänegeschichten.

Vor acht Wochen, am 15. März, musste Sarah überstürzt Deutschland verlassen, weil die Grenzen dicht gemacht wurden. Inzwischen wissen wir, dass sie, als Österreicherin, jederzeit nach Österreich hätte zurückkehren können, aber damals war das nicht sicher. Zumal weder die Österreichische Botschaft in Berlin (Wochenende) noch das Konsulat in Düsseldorf (Urlaub) für Auskünfte zu erreichen war – Gott bewahre, dass man in einer Pandemie mal jemanden für Auskünfte ans Telefon setzt, OBWOHL Wochenende ist. Am selben Tag haben wir begonnen, unsere Quarantänegeschichten zu erzählen – weil das eben die Aufgabe von Geschichtenerzähler*innen in einer Krise ist, immer schon.

Normalerweise bin ich beruflich alle paar Wochen in Wien, zu Recherchen, Besprechungen, zum Plotten. Geht im Moment nicht oder nur sehr eingeschränkt. Und ich arbeite in einer Branche, die sehr darauf angewiesen ist, dass die Beschränkungen bald fallen. Und so paradox das klingen mag: Aus diesem Grund bin ich nicht nur ausaltruistischen (ich will hier keine Zustände wie in Italien oder Spanien oder irgendeinem Land, dass zunächst mal keinen Lockdown veranstaltet hat), sondern auch aus egiostischen Gründen DAFÜR, dass wir die Beschränkungen noch eine Weile aufrecht erhalten. Wenn wir sie zu früh aufheben bedeutet das, dass die nächste Welle so stark sein wird, dass wir zurück in den Lockdown müssen. Es mag ja Leute geben, denen es egal ist, wenn wir das Land ein zweites Mal runter fahren. Wer gewohnt ist, dass sein Leben so süß und sicher ist, dass er sich die Auswirkungen von Pandemien oder auch Kriegen einfach nicht vorstellen kann, nur weil er selber noch keine erlebt hat, der hält Maskenpflicht dann eben für einen Grund zur Empörung und Beschränkungen bei erlaubten Demos für ein Zeichen von Diktatur. Ah sorry, ich muss mal kurz ausfallend werden…

DIKTATUR? Seid ihr noch ganz dicht? Ihr könnt doch so gut googlen, googlet mal Diktatur, verdammt nochmal! Wenn das hier eine Diktatur wäre, dann wären Ken, Xavier und Attila seltsamerweise in den letzten Wochen auf Nimmerwiedersehen verschwunden, und Euch würde man, anlässlich Eurer Demos, zusammentreiben und hinter irgendwelche Mauen sperren – oder Euch an dieselben stellen, ihr geschichtsvergessenen, wohlstandsverwahrlosten, verwöhnten Jammergestalten.

Ahm… sorry, wo war ich? Ach ja: Ich möchte bitte eine flache zweite Welle, damit in absehbarer Zeit wieder Filme und Serien gedreht werden, damit Künstler*innen auftreten können, damit ich meine beste Freundin wiedertreffen kann, damit ich meinen Geburtstag nachfeiern kann und damit unser Gesundheitssystem auch die zweite und dritte Welle so gut abfangen kann, wie die erste. Also haltet bitte noch ein paar Wochen Disziplin. Danke.

Zurück zu den Geschichten: Seit acht Wochen erzählen wir Euch, wie gesagt, jeden Tag eine, Sarah hat mit Geschichten für Kinder begonnen, ich mit Kurzgeschichten. Sie ist inzwischen zu ihren phantastischen Adventskalendern übergegangen, ich erzähle, seit mir die Kurzgeschichten ausgegangen sind, in Fortsetzungen meinen Roman „Der Ruf“. Und so geht es heute weiter:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30


Der Ruf – Teil 31

Im Haus, gegen 22.30 Uhr

Bastian klopfte Justus auf den Helm.

„Bereit?“

„Ja.“ – ‚Sofern man zu so etwas bereit sein kann‘, ergänzte er im Stillen. Justus spürte, wie Adrenalin seinen Körper durchspülte, Welle um Welle. Sein Herz schlug schnell und hart, er atmete tiefer. ‚Adrenalin ist Dein Freund, macht Dich schnell, macht Dich stark‘. Gut, gut, er konnte das brauchen. Er würde schnell sein müssen. Justus’ Kiefermuskeln zuckten, seine Zunge klopfte schnell gegen seine Zähne. Er traute dem Frieden da draußen absolut nicht.

Er würde schnell sein müssen. Schnell.

Maike stand vor ihm, strich über seinen Arm und sah ihn an.

„Du schaffst es“, sagte sie, „Du hast es im Flur geschafft, Du schaffst es auch im Garten.“

„Wollen wir’s hoffen.“

„Sicher. Denk dran, was Du mir versprochen hast.“

Er grinste. „Okay.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf den Helm.

Philip legte Justus eine Hand auf die Schulter.

„Viel Glück.“

„Kann ich brauchen.“

„Mach einfach nichts Unnötiges. Egal wo Du bist – es sind immer nur ein paar Schritte bis zur Tür. Du musst nur schnell sein, dann schaffst Du es.“

Justus nickte. Philip drückte ihm noch einmal die Schulter und wandte sich an Markus, der immer noch absolut ruhig war.

„Alles klar bei Dir?“

Markus nickte. „Ja.“

Britt nahm Markus in den Arm und drückte ihn wortlos.

Sie verabschiedeten sich und gingen gemeinsam zur Tür. Justus und Markus steckten die Leinenbeutel in die Gürtel, die sie sich um die Hüften geschlungen hatten, nahmen ihre Handtücher und Haarspraydosen auf und klappten die Visiere runter. Dann öffnete Bastian die Tür und sie betraten die Terrasse, von der sie sich vor 13 Stunden durch eben diese Tür gerettet hatten.

In der Sauna, 22.30 Uhr

„Komm mal schnell! Da tut sich was!“

„Was denn?“ Simon ließ sich von der Bank gleiten und humpelte zu Chris ins Badezimmer. Sie stand vor dem Fenster und gestikulierte aufgeregt.

„Ich weiß es nicht. Ich habe was gehört. Ich glaube, da sind welche auf die Terrasse gegangen. Aus dem Haus.“

„Was? Echt?“ Er drängte sich neben sie, doch auf dem Teil der Terrasse, der von hier aus einzusehen war, war nichts zu entdecken.

„Was hast Du gesehen?“

Chris schüttelte den Kopf.

„Gesehen habe ich gar nichts. Aber gehört. Da ist jemand aus dem Haus gekommen.“

„Noch ein Verrückter?“

„Weiß ich nicht. Vielleicht ist ja Hilfe gekommen. Irgend jemand, die Feuerwehr oder so. Da sind wirklich noch welche von uns drüben. Vielleicht haben sie es ja geschafft, jemanden zu benachrichtigen.“

Ihr Optimismus war ansteckend, er umarmte sie und zog sie an sich.

„Vielleicht.“

Sie klatschte in die Hände.

„Bestimmt. Komm, lass uns gucken, vielleicht sehen wir ja doch was.“

Sie wandten sich wieder dem Fenster zu und spähten gespannt hinaus.

Im Garten, 22.31 Uhr

Markus legte die Decke liebevoll über Tanja. Egal, wie sie sie zugerichtet hatten, er hatte die Frau gesehen, mit der er sich seine Zukunft erträumt hatte. Er war neben ihr niedergekniet, hatte ihr ein paar Worte zugeflüstert, die ihm wichtig waren, hatte ihr Gesicht noch einmal berührt, hatte Abschied genommen. Nun deckte er sie zu und war mit sich im Reinen. Er stand auf und sah zu Justus hinüber, der mit einer Hand das O.K.-Zeichen machte. Irgend etwas stimmte nicht an diesem Bild und Markus schaute angestrengt nach links und rechts. Doch da war nichts Beunruhigendes zu sehen. Im Gegenteil, die Insekten verhielten sich erstaunlich träge und passiv, wie vom ersten Moment an, seit sie aus der Tür gekommen waren. Es schien einfacher zu werden als befürchtet. Aber dennoch – sein Unterbewusstsein versuchte verzweifelt, ihn zu warnen. Und er hatte keine Ahnung wovor.

Markus wischte den Gedanken weg. Keine Zeit für sowas.

Er untersuchte zuerst die beiden Jacken die neben dem Kamin über einem kleinen Plastiktisch lagen, einen blauen Blouson und eine Jeansjacke. Er hatte kaum zwei Sekunden getastet, als er in der Jeansjacke fündig wurde – ein Smartphone. Er hielt es in die Höhe und Justus gab ihm ein Daumen-Hoch-Salut. Markus nahm die breite Ledertasche, die neben einem Holzstoß an der Wand lehnte und sah sich noch einmal kurz auf seiner Seite der Terrasse um. Aber da gab es nichts mehr zu untersuchen. Er lief zu Justus zurück, steckte das Handy in den Leinenbeutel, stellte die Tasche neben sich, nahm Handtuch und Haarspray und tippte Justus an. Der nickte und machte sich auf den Weg zum großen Holztisch.

Im Garten, 22.33 Uhr

Der Geist sah, wie Justus sich in Bewegung setzte und erkannte, dass dieser Moment der günstigste war. Die Entfernung stimmte, die Zeit reichte, es würde gelingen.

Ein kurzer Zweifel nagte an ihm, zusammen mit einer Ahnung von Reue. Er schob beides beiseite.

In der Sauna, 22.33 Uhr

„Siehst Du, siehst Du?“

Simon nickte. „Ja. Wer ist das? Das ist doch kein Feuerwehrmann.“

„Nein, das ist einer von uns. In Motorradkluft verpackt, das ist clever. Kannst Du erkennen, wer es ist?“

„Nein. Die Klamotten sind von Khan, aber es könnte jeder da drin stecken. Was macht er da?“

„Er sucht was.“

In diesem Moment hielt die Gestalt am Tisch etwas in die Luft, und Chris jubelte auf.

„Ein Handy, es ist ein Handy. Er hat sich die Motorradklamotten angezogen und ist raus gegangen, um Handys zu suchen. Und er hat eins gefunden. Oh Mann…“

Sie schaute gebannt aus dem Fenster und drückte unwillkürlich die Daumen.

„Jetzt geht er zurück“, kommentierte Simon überflüssigerweise. „Wenn er wieder drin ist, kann er Hilfe rufen. Und… Na nu.“

„Was macht er denn jetzt?“, fragte Chris verblüfft.

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Das Museum Essentieller Artefakte – Gelächterweide

Eigentlich ist Botanik ja gar nicht so meins. Also… GAR NICHT. Pflanzen sind für mich der Hintergrund in Tierdokus. Aber die, von denen Sarah uns heute erzählt, will ich unbedingt kennenlernen. 🙂

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Ausstellungsstück Nr. 657:

Getrocknete Blätter einer Gelächterweide

Der Glascontainer enthält mehrere getrocknete Blätter von Salix Babylonica Ridens,im Volksmund auch die ‚Gelächterweide‘ genannt. Sie ist nah mit der wesentlich weiter verbreiteten Trauerweide verwandt, teilt aber mitnichten deren melancholisches Gemüt.

Besucher des Museums werden aufgefordert, in Hörweite der Blätter einen guten Witz zu erzählen und das Glasgefäß danach zu schütteln. Das entstehende Rascheln klingt wie das verzückteste Kichern, dass sie jemals gehört haben, ein Lachen, dass einem die Seele wärmt. Auch in der Medizin findet diese Pflanze Anwendung, vor allem für Stand-Up-Comedians, die das Vertrauen in ihre Fähigkeiten verloren haben und dringend ein Erfolgserlebnis brauchen.

Weitere bemerkenswerte Exponate in unserer Sonderausstellung ‚Emotinale Botanik‘ sind unter anderem der Wiener Suderahorn, die Gemeine Feigfeige und ein Exemplar des seltenen ostasiatischen Schniefbonsais.

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 55 – Der Ruf, Teil 30

Kommt zu mir, setzt Euch, ich erzähle Euch eine Geschichte. Zuvor aber:

So wie es im Moment aussieht, sollen in Deutschland die Kontaktsperren ja in der ersten Juniwoche enden. Tut mir einen Gefallen – lasst uns alle bis dahin diszipliniert bleiben, Abstände halten, Masken tragen, Menschenansammlungen vermeiden. Ich weiß, das ist alles doof. Ich bin dafür, dass wir das mit den Pandemien künftig bleiben lassen. War eine interessante Erfahrung, muss ich nicht nochmal haben. Heute wäre eigentlich meine Geburtstagsparty gewesen, mit vielen Menschen die ich gerade vermisse, Sarah wäre hier, anstatt von Österreich aus gemeinsam mit mir virtuelle Geschichtenfeuer anzuzünden … Ich verstehe völlig, das vielen die Beschränkungen auf den Geist gehen. Mir auch. Aber lasst uns noch drei Wochen oder so durchhalten. Das Ding ist nämlich – mit dem „Ruf“ habe ich bis dahin noch genug Stoff. Aber für eine zweite Welle reicht es nicht. Also… 😉

Oh, und übrigens, falls sich jemand fragt: Eine große, mächtige und gefährliche Verschwörung, die jeder durch dreimal googeln und zwei Youtube-Videos aufdecken kann, ist keine. Die derzeitige Pandemie war erwartbar, es war klar, dass sie irgendwann kommen würde, und wenn wir uns als Spezies weiter so verhalten, wie wir es tun, wird das auch nicht die letzte sein. Dazu braucht es keine finsteren Gestalten im Hintergrund.

Wer wirklich wissen möchte, wie eine gefährliche Verschwörung mit ihren Gegnern umgehen würde, dem empfehle ich dringend, sich die völlig zu Unrecht unterschätze, großartig geschrieben und umgesetzte und (muss ich das dazu sagen?) FIKTIVE Serie „Utopia“ anzusehen.

Lange Vorrede – so geht die Geschichte weiter:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29



Der Ruf – Teil 30

In der Sauna, gegen 20.30 Uhr

„Das sollte reichen. Wie fühlst Du Dich?“

„Ganz gut.“ Simon versuchte aufzustehen, es gelang. „Klappt“, kommentierte er zufrieden.

Als Saschas Klinge in seine Seite gedrungen war, war er gelähmt gewesen, erst vor Entsetzen und dann vor Zorn. Dann hatte der Irre das Messer wieder raus gezogen, Blut war aus der Wunde gequollen und Simon war noch wütender geworden, trotz der Schmerzen, er hatte keine Angst gefühlt, nur Zorn auf dieses durchgedrehte Arschloch. Und als Sascha erneut ausgeholt und zugestochen hatte, auf seine Brust gezielt diesmal, da hatte der Zorn Simon die Klarheit gegeben, die er brauchte, um dem Angriff auszuweichen. So hatte Sascha nicht seine Brust erwischt, sondern den Oberschenkel und so ablenkt hatte der Stich nicht mehr die Kraft besessen, viel Schaden anzurichten. Die kurze Klinge war umgeknickt, Sascha war geflohen. Dann erwischte der Schock Simon, er brach zusammen und sank an der Wand herunter, die Hand auf die Wunde in seiner Seite gepresst, während das warme Blut zwischen seinen Fingern hindurch lief. Ihm waren die Sinne geschwunden, etwas sehr Wichtiges war noch gewesen, etwas mit der Tür, aber er erinnerte sich nicht mehr daran.

Ein scharfer Schmerz hatte ihn geweckt, als Chris die Wunde desinfizierte.

„Wie sieht es aus?“, hatte er gefragt, auf das Schlimmste gefasst.

„Ich glaube, es ist nicht sehr gefährlich“, hatte sie gesagt. „Die Klinge ist ja nicht so lang, sie ist nicht tief eingedrungen. Ich glaube nicht, dass Organe verletzt sind. Tut es sehr weh?“

„Es geht.“

„Tut mir leid.“

„Was ist mit Sascha?“

Sie seufzte und schüttelte den Kopf. „Er ist tot.“

Simon hatte genickt. Er hatte es sich gedacht und mehr wollte er auch gar nicht wissen.

Chris wusch beide Wunden gründlich aus und verband seinen Oberschenkel. Die Bauchwunde nähte sie mit zwei Stichen. Die Nähnadel, die sie dazu verwendete, war im Medizinschrank gewesen, wo sie eigentlich zur Entfernung von Holzsplittern aufbewahrt wurde, die Seidenfäden hatte sie aus einem der Bademäntel getrennt. Chris desinfizierte Nadel und Fäden gründlich in Alkohol, bevor sie jeweils einen einzelnen Faden durch die Wundränder zog und verknotete, und diese Prozedur tat richtig höllisch und gemein weh, vielmehr als die Klinge selbst es vermocht hatte. Am Ende aber war sie zufrieden gewesen, hatte ein Zellstoff-Tuch auf die Wunde geklebt und ihn gefragt, wie es ihm ginge. Sich auf die Bank zu setzen war Simon nach der Prozedur des Vernähens wie ein – zugegeben schmerzhafter – Spaziergang erschienen. Er setzte sich bequem hin und fühlte sich tatsächlich ganz fit. Die Wunde war oberflächlich, das war gut. Chris kletterte auf die Bank, setzte sich neben ihn und reichte ihm seine Jeans.

„Hier. Ich musste sie Dir ausziehen.“

Simon befühlte den unangenehm feuchten Blutfleck und entschied, dass er vorerst mit seinen Boxershorts ausreichend bekleidet war. Eine andere Frage beschäftigte ihn.

„Woher kannst Du sowas? Wunden vernähen.“

Sie lachte. „Entschuldige, war nicht besonders professionell. Habe ich Dir sehr weh getan?“

„Ich lebe noch.“

„Ich hab‘ mal einen Erste-Hilfe-Kurs für Bergsteiger mitgemacht. Da haben sie uns gesagt, wie das geht.“

„Gesagt? Du hast das vorher noch nie gemacht?“

Sie sah ihn verlegen an. „Nein.“

Er musste lachen. „Na ja, ich glaube, dafür war es recht gut.“

„Muss ja nur halten, bis wir hier raus sind. Dann können sich richtige Ärzte darum kümmern.“

Sie schwiegen eine Weile. Die Worte – „bis wir hier raus sind“ – und alles, was damit verbunden war, schwebten zwischen ihnen.

„Was meinst Du, warum hat er das gemacht?“, fragte sie dann.

„Keine Ahnung. Er ist durchgedreht.“

„Aber warum hat er uns angegriffen? Wir haben uns doch um ihn gekümmert. Wir wollten ihm doch helfen.“

„Ich weiß es nicht, Chris. Es hat ihn verrückt gemacht.“

„Der arme Kerl. Er tut mir so leid.“

Er drückte sie an sich, hielt sie, streichelte und tröstete sie, vergrub sein Gesicht in ihrem Haar und hoffte und betete, dass all dies ein Ende finden würde, ein Ende zum Guten, wie auch immer.

Im Haus, gegen 22.00 Uhr

„Noch mal“, sagte Philip.

Justus verdrehte die Augen. „Komm, jetzt reicht’s, lass es langsam. Es kommt mir bei den Ohren raus.“

Philip tippte auf den Buchdeckel, in dessen Innenseite sie einen Plan der Terrasse gezeichnet hatten.

„Ist mir egal. Ich will, dass Ihr den Weg mit geschlossenen Augen findet.“

„Philip…“

„Lass ihn.“ Markus schloss die Augen und ging den Weg im Kopf durch. „Wir kommen aus der Tür, Justus geht zuerst, weil er breiter ist als ich. Ihr schließt die Tür hinter uns. Ich gehe zu Tanja, während Justus von der Tür aus den Garten beobachtet. Ich gehe so, dass ich ihn jederzeit sehen kann, falls er mir ein Zeichen gibt. Wenn ich bei Tanja fertig bin, gehe ich zurück. Unterwegs untersuche ich die beiden Jacken neben dem Kamin. Ich nehme die Tasche, die bei dem Holzstapel liegt. Wenn ich an der Tür angekommen bin, geht Justus los und untersucht die Jacken und nimmt die Taschen beim Tisch. Dann kommen wir rein. Justus wieder zuerst. Ihr schließt die Tür, basta.“

„Was macht Ihr, wenn Ihr keine Handys findet?“

„Philip“, stöhnte Justus, „jetzt lass doch…“

„Wir machen nichts weiter“, fuhr Markus fort. „Wir kommen zurück, wenn alle Klamotten in Reichweite untersucht sind.“

„Was macht Ihr, wenn sie Euch angreifen?“

„Derjenige, der sucht kommt so schnell wie möglich zurück, ohne weiter zu suchen. Der andere verteidigt seine Position mit Haarspray und Handtuch, bis der andere da ist. Dann lasst Ihr uns sofort rein.“

„Gut. Justus?“

„Was?“

„Würdest Du es auch nochmal durchgehen?“

„Nee, Philip, tut mir leid. Es reicht mir jetzt. Wenn ich das noch dreimal runter bete, bin ich nicht im Stande, noch irgendeinen Schritt zu machen. Lass gut sein, okay?“

Philip zuckte mit den Schultern. „Okay.“

„Wir sind soweit,“ meldete Maike. Bastian und sie hatten alles zusammengesucht und ausgelegt, was Justus und Markus brauchen würden, Motorradkleidung, Tücher, Haarspray, Handtücher, zwei Leinenbeutel, die komplette Ausrüstung. Justus sah zu Britt am Fenster.

„Wie sieht es aus, Britt?“

„Ich glaube, sie werden ruhiger. Sie fliegen zumindest nicht mehr soviel. Und die Ameisen wuseln auch nicht mehr so sehr rum, die scheinen sich sogar zurückzuziehen. Die Terrasse ist fast frei.“

Die anderen kamen zu ihr.

„Ich glaube, da sind auch weniger Wespen und so als vorhin“, meinte Bastian.

Britt hob die Hände. „Weiß ich nicht. Kann sein, aber wenn, dann sind es so allmählich weniger geworden, dass ich es nicht gemerkt habe.“

„Ich habe auch den Eindruck“, sagte Philip.

Justus brummte.

„Was meinst Du?“, fragte Maike.

„Mir gefällt das nicht. Das ist irgendwie zu gut, um wahr zu sein. “

„Wieso? Ist doch ganz normal, wenn Insekten sich nachts verkriechen. Solche Insekten jedenfalls.“

„Ja, eben, das macht mir Sorgen. An den Viechern war bisher überhaupt nichts normal. Und plötzlich, gerade wenn es uns passt, verhalten sie sich wie gewöhnliche Tiere. Da stinkt was.“

„Hat was“, meinte Philip.

Sie schwiegen eine Weile und sahen hinaus. Tatsächlich schien die Zahl der Insekten draußen abzunehmen. Man konnte wieder alle Steinplatten der Terrasse sehen.

„Ändert das irgend etwas?“, fragte Britt.

„Nein“, sagte Justus. „Nicht für mich.“

„Für mich auch nicht“, sagte Markus.

„Wieviel Uhr?“, fragte Maike.

„Gleich viertel nach zehn“, sagte Philip.

Maike nickte, sagte aber nichts. Philip schaute zu Bastian, der auf den Boden starrte, sah Britt an, die ihm ein bitteres Lächeln schenkte, schließlich zu Justus und Markus. Das Herz wurde ihm schwer bei dem Gedanken, dass sie gleich da rausgehen sollten. Markus blickte völlig ruhig und gleichgültig, als ginge ihn das alles nichts an. Justus wirkte ebenso entschlossen wie nervös. Er fing Philip Blick auf.

„Viertel nach zehn, sagtest Du?“

„Ja.“

„Okay, okay.“ Er nickte. „Wir sollten uns anziehen.“

Im Garten, gegen 22 Uhr

Etwas geschah.

Der Geist verließ den Schuppen, als er die Veränderung spürte. Ganz leicht, es lag etwas in der Luft.

Er spürte seinen Feind, doch der war noch weit, nicht stark genug, den Körper, den er besetzt hatte, voll zu nutzen.

Der Geist schmeckte die Veränderung.

Die Insekten, die Diener seines Feindes, flogen nun nicht mehr dicht umher, die meisten hatten sich hingesetzt, auf die Bäume, den Schuppen, die Sauna, die Garage, die Möbel. Die meisten jedoch saßen auf dem Hausdach, über der Fensterfront zur Veranda.

Das war interessant.

Der Geist wandte seine Aufmerksamkeit den Menschen zu, die im Haus eingeschlossen waren. Er spürte so etwas wie einen fernen Stich, als er sie durch das Fenster sah, dass schmerzhafte Gefühl, dass sie ihm etwas bedeuten müssten. Aber das war nicht so. Er sah Philip, der sein Freund gewesen war. Er bedeutete ihm nichts, er war der Bewohner einer anderen Welt, sie teilten nur zufällig denselben Ort.

Dort waren die Lebenden.

Er selbst war ein Toter und es war eine Tote, für die er hierher zurück gekommen war.

Wirklich?

War er zurück gekommen? Hatte man ihn zurück geschickt?

Gleichgültig.

Liebe und Rache.

Ihm kam ein Gedanke.

Diese Lebenden könnten ihm nützlich sein.

Das Buch.

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