schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 62 – Der Ruf, Teil 37

Schön, dass Ihr wieder da seid, ich erzähle Euch eine Geschichte. 🙂 Dass „Der Ruf“ der alten Horrorregel folgt, nach der Sex mit dem Tode bestraft wird, haben wir ja schon erlebt. Nun… es ist eben eine traditionelle Horrorgeschichte. Und da breche ich nicht mit Traditionen.

In diesem Kapitel kommt ein wenig Deutsch aus der frühen Neuzeit vor, und obwohl uns allen doch deucht, wir wüsseten gar sehr, wie man also gesprochen habe, wollte ich es doch lieber richtig machen und habe eine Expertin gefragt: Danke, Cornelia Frettlöhr, für die Texte aus „Wege und Tore“. ❤ Die sind übrigens, so meine Expertin, immer noch nicht ganz authentisch, sie musste Konzessionen zugunsten der Lesbarkeit machen:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35

Der Ruf – Teil 36


Der Ruf – Teil 37

Im Haus, gegen 2.30 Uhr

Philip saß auf dem Sofa und starrte in die Dunkelheit. Britt, die eingeschlafen war nachdem sie ihn geweckt und getröstet hatte, lag bei ihm, die Beine auf seinen, ruhig atmend. Philip bewunderte und beneidete sie. Ihm hatten die zwei Stunden Schlaf wenig Ruhe gebracht, er fühlte sich zerschlagener als um Mitternacht, völlig verschwitzt, sein Nacken schmerzte und dieser seltsame Traum, an den er sich kaum erinnern konnte geisterte in seinem Kopf herum. Irgend etwas Wichtiges war in dem Traum gewesen…

Er erinnerte sich nicht. Tanja war in dem Traum vorgekommen, Stephan und Britt. Flackerndes Licht. Er grübelte, kam zu keinem Ergebnis und gab es schließlich auf. Es würde schon wiederkommen, wenn es wirklich wichtig war.

Philip versuchte, zur Ruhe zu kommen, sich auf einen Punkt im Raum zu konzentrieren, seine Gedanken zu sammeln und auf eine ruhige Bahn zu bringen, es gelang ihm nicht. Jeder seiner Sinne wühlte ihn auf, seine Hände streichelten Britts bloße Beine und er fühlte den vielleicht nicht besonders angemessenen, dafür aber umso stärkeren Wunsch, mit ihr zu schlafen. Aber wenn seine Gedanken zu lange bei ihr blieben, dann kam die Angst.

Sein Gehör war durch die lange Stille geschärft, er hörte jeden Atemzug seiner schlafenden Mitgefangenen, das Ticken der Uhr über dem Bücherbord und er zuckte zusammen, wenn einer ihren kleinen Belagerer draußen, durch die Dunkelheit missgeleitet, gegen die Terrassenscheibe klatschte. Die Nacht war hell und sternenklar, doch das silberblaue Licht, das von draußen hereinfiel, machte die Dunkelheit nur noch schrecklicher. Denn überall breiteten sich Schatten aus und Formen aus dichter Schwärze, die lebendig zu sein schienen. Anstatt Ruhe in der Stille zu finden, reizten die langsamen Lichter und Geräusche der Nacht seine Nerven auf Äußerste.

Am schlimmsten aber waren der Geruch und der dicke, abgestandene Geschmack in der Luft. Die Beschaffenheit des Hauses und der Fenster hatten sie vor der Hitze des Tages etwas geschützt. Aber dennoch war das hier ein eher kleiner, geschlossener Raum, in dem sie seit dem Morgen atmeten und schwitzten – ganz abgesehen davon, dass Ihnen seit dem Nachmittag der Weg zur Toilette versperrt war. Philip war ganz dankbar dafür, dass er sich langsam daran hatte gewöhnen können. Würde er jetzt von draußen ins Wohnzimmer kommen, es müsste höllisch sein. Wenn er sich damit zu sehr beschäftigte, dann würde er vermutlich rasende Kopfschmerzen bekommen. Also besser nicht.

Philip seufzte und gab es auf. Andere mochten das Zeug haben, in sich zu ruhen und daraus Kraft zu schöpfen, er nicht. Sein Blick wanderte rastlos durch das verdämmerte Zimmer und blieb schließlich an dem Buch hängen, das bei der Terrassentür auf dem Boden lag. Das Buch, für das Justus gestorben war. Das Buch, das Christoph mitgebracht hatte. Das Buch mit dem alles begonnen hatte.

Er bettete Britts Beine vorsichtig auf das Sofa und küsste ihre Oberschenkel, Schienbeine und Fesseln. Sie kicherte im Schlaf und murmelte etwas Unverständliches. Es klang fröhlich. Philip wünschte ihr von Herzen schöne Träume und drückte sich zwischen dem Sofa und Maike durch, die auf dem Boden lag. Sie atmete ruhig, mit jedem Ausatmen ließ sie ein kleines Seufzen hören. Bastian schnarchte gleichmäßig und leise. Philip stand eine Weile neben dem Fenster und betrachtete sie. Wie Britt dort lag, leise lächelnd. In ihrem Traumland gab es offenbar keine Geister toter Freunde und es war dort schöner als hier. Gut. Tiefe Zärtlichkeit überflutete ihn und der brennende Wunsch, sie hier raus zubringen, in Sicherheit, an einen Ort, wo es schön war. An einen Ort vorgestern.

Maike und Bastian. Wie tapfer war Maike gewesen, wie umsichtig und wertvoll für ihr aller Überleben, klug und zupackend. Was Bastian betraf – er hatte versucht, zu helfen und seinen Teil zum Überleben beizutragen. Das war mehr, als man von Sabine zum Beispiel behaupten konnte. Er verdiente ebenso viel Hochachtung, wie die beiden Frauen, die noch lebten und die beiden toten Männer da draußen.

Philip lächelte den Schlafenden zu und fühlte zum ersten Mal so etwas wie Geborgenheit in diesem stinkenden Gefängnis. Vielleicht war es doch nicht so aussichtslos. Er ließ sich neben dem Buch auf die Knie nieder, hob es auf und betrachtete das Deckblatt.

Wege vnd Toire“ stand dort „Dis ist di dritte Abschrifft des Werckes, das der groisze vnd darin sehr gepildete Ervorscher vnd Magister geheymer Wissenschavten, Darius von Delft, mit eygener Handt verfasst hat. Der Anungslose sej jetzo gewarnt, es nimals tzu lesen noch tzu verwenden.“

Philip lächelte grimmig. Wahrhaftig, eine sehr richtige Warnung. Schade, dass Christoph sie nicht beachtet hatte. Schade, dass keiner von ihnen sie gelesen hatte. Er selbst hatte das Buch in der Hand gehabt, vorgestern, in einem anderen Universum. Christoph hatte gesagt, sie sollten es begrüßen. Philip war das albern vorgekommen, er hatte sich darüber lustig gemacht. „Hallo Buch…“ Er lachte bellend.

Nun hatte er es wieder in der Hand, ein kleines, nicht sehr dickes Buch, der hintere Buchdeckel fühlte sich speckig und abgegriffen an, die Seiten waren steif. Er blätterte es durch, es war unregelmäßig gedruckt, verschiedene Vorbesitzer hatten handschriftliche Anmerkungen an den Rand und zwischen die Zeilen geschrieben, die meisten davon verblasst und unleserlich. Zwei Illustrationstafeln zeigten altertümliche Stiche, die erste einen Kreis von Skeletten, von denen jedes ein Schwert hielt, mit dem es das vor ihm gehende durchbohrte. Die zweite zeigte einen nackten Mann, dem Titel nach „Der Neue Mann“. Etwas an der Figur kam Philip seltsam vor und erst auf den zweiten Blick fiel es ihm auf: Der Neue Mann hatte nicht nur eine Glatze, er war gänzlich haarlos. Ebenso fehlten ihm Brustwarzen, Nabel und Hoden. Das Buch enthielt noch weitere Illustrationen, doch waren diese nachträglich an den Rand gekritzelt worden und schwer zu erkennen. Philip erkannte Schachfiguren, Sternbilder, eine Blume mit einem klagenden Gesicht und viele andere, beunruhigende Bilder, die ihm alle keinen Anhalt gaben, wo er eine Lösung für ihr Dilemma finden könnte. Er seufzte. Würde er es also doch von Beginn an lesen müssen. Kein angenehmer Gedanke. Philip fröstelte. Die Gesichter seiner Freunde im Kerzenlicht, Christoph, der Litaneien in diesem Latein herunterbetete, das bald kaum noch nach Latein klang…

Er klappte das Buch zu, ging zurück zum Sofa und setzte sich. Er hob Britts Beine sehr vorsichtig und legte sie wieder auf seine.

„Wassis?“, murmelte sie.

„Nichts. Alles in Ordnung. Schlaf einfach weiter.“

Sie sah ihn aus halb geschlossenen, dicken Augen an.

„Sie kommnich rein, oder? Philip? Sie kommdoch nich rein?“

„Nein. Schlaf weiter. Ich passe auf.“

Sie nickte, offenbar zufrieden. „Gut. Habdichlieb.“

Britt ließ sich zurück auf das Sofa fallen und schlief augenblicklich wieder. Philip betrachtete sie noch eine Weile, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Buch zu, öffnete es und begann zu lesen.

Es war kein Buch, wie ihm jemals zuvor eines begegnet war. Es hatte ein Thema, „Wege und Tore“ eben und der Autor, der sich Darius von Delft nannte und – laut einer Randnotiz – im 16. und 17. Jahrhundert gelebt hatte, hatte offenbar so etwas wie einen wissenschaftlichen Anspruch gehabt. Aber das ganze Werk schien eher eine wirre Sammlung kurzer Texte zu sein, mehr wie ein gedrucktes Notizbuch, als wie eine zusammenhängende Abhandlung. Ein Gedicht oder Lied folgte auf etwas, das sich wie eine Sage aus der Feder eines Wahnsinnigen las, ein paar Seiten weiter begann eine lange, trockene metaphysische Abhandlung über die Natur der Wirklichkeit, dann wieder eine Beschwörungsformel oder ein Zauberspruch, mehrere Abschnitte in einer völlig fremden Sprache, und so weiter, und so weiter. Und an den Seiten und zwischen den Zeilen Anmerkungen und Randnotizen offenbar unterschiedlicher Leser, mal in altertümlichen Deutsch, mal in Lateinisch, ein paar Sätze Englisch und auch Schriftzeichen, die Teils an Japanisch oder Chinesisch, teils an Sanskrit und teils an einen Affen mit einem Pinsel denken ließen. Philip verstand wenig von dem, was er las, und wunderte sich zunehmend, dass Christoph sich getraut hatte, mit diesem seltsamen Werk einen Spaß zu treiben. Die Warnung zu Beginn schien ihm nun durchaus ernst gemeint und verständlich, und er war weiß Gott niemand, der eine besonders esoterische Ader hatte. Normalerweise hielt er das alles für Humbug. Aber dieses Buch hatte etwas greifbar Gefährliches, und es wollte ernst genommen werden. Philip nahm es ernst und versuchte, daraus schlau zu werden.

Nach und nach wurde er wirklich ein wenig schlau aus dem, was er las. Tatsächlich war es so, wie Christoph gesagt hatte – Darius gab Anleitungen, wie man Tore in andere Welten öffnen konnte. Wo, wie und wann diese Welten existierten, sagte er allerdings nicht. Im Gegenteil. Philip las stirnrunzelnd einen Absatz, in dem Darius von Delft jeden Versuch, dies zu verstehen oder zu durchschauen für sinnlos erklärte:

Was nun aber iene Portale betryfft, von denen jn disem Werck gesprochen werden sol, so darff der Adept nicht vermuthen, si verbanden Orte oder Zeyten, wi si uns taglich erscheynen mügen. Das stimpt so gar nicht. Der Adept ist vilmer gefordert tzu versten, was auch jch jn vilen Jahren eyfriyen Studyums verstanden habe: dasz vnsre Welt namlich keynesfalls so beschaffen ist, wi si vns alltaglich erscheynt, sondern dasz si eyn seltsames vnd kunstvoles Geflecht jst, dem menschlychen Geyst apsolut fremmd, das sich jedem Versuch es tzu erkennen entziht. Das bedeutet auch, dasz jede Wissenschavt, di das wahre Wesen der Welt zu erkennen versucht, gantzlich eytel jst, di Eytelkeyt dumper Menschen. Denn das, was dise Wissenschavt tzu ervorschen sucht, wyrd immer eyne Terra Incognita seyn, di keyn Schiff erreychen kann. So muss auch der Scholasticus von dem Streben aplassen erkennen tzu wollen, warumb die Toire so beschaffen synd, wi si beschaffen synd vnd Folgendes vollig begreyffen, bevor er dran get, di Kunst der Wege vnd Toire tzu erlernen: dasz si Orte verbinden, wo es keyne Orte gibt vnd durch Zeyten fuhren, wo Zeyt nur eine Tauschung des besrankten Verstandes ist. Di Toire sind vnd di Wege leyten. Das jst alles, was jch weysz vnd sagen kann, vnd selbst ob das di Wahrheyt jst, bleybt vnklar.“

„Der Adept versteht kein Wort davon“, murmelte Philip, „und er hat den bösen Verdacht, dass Du es selbst nicht besser verstehst, Darius.“ Immerhin verstand er soviel, dass Christoph tatsächlich eines der in diesem Buch beschriebenen Tore geöffnet hatte – ohne auch nur im Ansatz zu begreifen, was er da tat. Was auch immer er geöffnet oder gerufen hatte – er hatte vorher keine Ahnung gehabt, was es sein würde und nachher ebensowenig. Er hatte das Buch benutzt, wie ein Kochbuch für die schnelle Küche und das Buch hatte diese Behandlung nicht verziehen. Schade nur, dass die Strafe sie alle getroffen hatte.

Er versuchte, die Stelle zu finden, aus der Christoph vorgelesen hatte, aber ohne Erfolg, schließlich legte er das Buch auf den Couchtisch und sah auf die Uhr. Fast vier. Gleich würde er Bastian wecken können. Philip entschied sich dagegen. Er fühlte sich nicht mehr müde, seine Erschöpfung war über den toten Punkt hinaus und nun war es im Grunde egal, ob er wach war oder schlief. Er würde einfach hier sitzen, Britt streicheln und seinen Gedanken nachhängen und wenn doch irgendwann die Müdigkeit kommen würde, würde es immer noch früh genug sein…

Das Buch bewegte sich.

Es rutschte über den Tisch auf ihn zu, fiel aber an der Kante nicht hinunter, sonder blieb für einen Moment still liegen. Und dann begann es langsam, sich aufzublättern. Philip starrte es an, unfähig, sich zu rühren, während ein Schauer nach dem anderen seine Haut zusammenzog. Er biss sich auf die Unterlippe – merkte es nicht. Die Seiten des Buches wurden umgeblättert, eine nach der anderen, immer schneller werdend, immer schneller, bis die Bewegung plötzlich aufhörte. Das Buch lag auf dem Tisch, aufgeschlagen und leicht zitternd. Philip wusste, was es von ihm wollte, aber er hatte Angst. Schreckliche Angst.

Doch es gab keinen Ausweg. Er konnte es nicht ignorieren. Und er konnte sich nicht drücken. Mit einem schweren, angstvollen Seufzer nahm er das Buch auf und las, was es ihm zu lesen gab.

In der Sauna, gegen 4.00 Uhr

Als es endlich geschah, schliefen sie. Einige Holzsplitter fielen aus einem Spalt zwischen Decke und Wand im hinteren Teil des Bades und eine Wespe kroch heraus. Ihr folgte eine weitere. Und noch eine. Und noch eine. Und noch eine. Fast gleichzeitig brach unter dem Gewicht der nachdrängenden Insekten ein abgenagtes und dünn geraspeltes Stück aus einem Paneel im Flur. Ein Dutzend Hornissen fiel mit dem dünnen Holzplättchen herunter, die Tiere fingen sich in der Luft und schwebten durch die offene Tür in den Saunaraum, in dem Chris und Simon schliefen, eng aneinander geschmiegt. Die Hornissen griffen nicht an, sondern setzten sich an eine Wand und warteten. Überall brachen neue Löcher auf, durch die ihre Gefährten herein strömten. Die Wände um die beiden Schlafenden waren schon dicht besetzt, als Simon die Augen öffnete. Er sah im Licht der beginnenden Dämmerung, was geschehen war aber er blieb ganz ruhig. Er hatte seine Entscheidung schon lange getroffen..

„Was ist?“, murmelte Chris.

Er antwortete nicht.

„Kommen sie?“ Sie versuchte sich aufzurichten, aber er hielt sie mit sanfter Gewalt. Sie verstand.

Da erhoben sich die Insekten wie auf Kommando von den Wänden, der Decke und dem Fußboden und kamen über sie, alle auf einmal.

Es war qualvoll. Doch sie starben schnell.

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Das Museum Essentieller Artefakte – Ein Schmetterling

Das Museum Essentieller Artefakte ist nicht nur wunderbar – es bewahrt uns auch vor Schaden meteorologischer Art.

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Ausstellungsstück 8643:

Ein sehr großes Terrarium mit einem lebenden Schmetterling

Es gibt die Theorie, dass unter bestimmten Umständen der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Orkan auslösen kann.

Meistens wird allerdings nicht erwähnt, dass sich diese Theorie auf einen ganz bestimmten Schmetterling namens Horst bezieht. Wir füttern ihn zweimal am Tag mit Zuckerwasser und halten ihn allgemein bei guter Laune. Er hört besonders gerne David Bowie.

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 61 – Der Ruf, Teil 36

Ich fürchte, es wird noch eine ganze Weile nicht tröstlicher, in den Geschichten, die ich Euch erzähle. Wenn man denkt „irgendwas mit Liebe“ und die Lösung ist „Lovecraft“… Nun ja. Kommt her, setzt Euch ans Feuer, gruselt Euch ein wenig:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35


Der Ruf – Teil 36

Am See, gegen 2.00 Uhr

Der Hohepriester blickte aus Christophs Augen auf Khans Leichnam hinunter. Ein paar flüchtige Erinnerungen durchzuckten ihn, Reste des Mahls.

Er betrachtete den Toten nachdenklich.

Er wusste nicht viel von diesen hier.

Wie sehr konnten sie widerstehen?

Er ließ sich auf die Knie des geraubten Körpers fallen, öffnete den Mund, legte ihn auf den Mund des Leichnams und begann zu saugen.

Nichts.

Da war nichts mehr.

Er stand auf.

So verdarben sie also schnell und wurden nutzlos. Was immer seine kleinen Sklaven übrig gelassen hatten, es war nichts mehr davon da. Nun gut. Er würde sich von den Lebenden nähren müssen.

Er prüfte seine Kraft und fand, dass sie für einen Angriff noch nicht ausreichte. Der lange Weg hatte ihn erschöpft.

Er schaute den Weg hinauf, der durch den kleinen Wald zum Garten führte.

Und da war der andere, von dem er nichts wusste. Er würde noch ein wenig Nahrung brauchen, bevor er diesen Weg hinaufging.

Er lauschte den Stimmen seiner Späher, die ihn umschwirrten.

Fragte.

Lauschte.

Befahl.

Dann legte er sich neben Khan in den Sand und wartete.

In der Sauna, gegen 2.15 Uhr

Chris wachte auf und wusste zuerst nicht, wo sie war. Dann aber roch sie den typischen Saunageruch, fühlte das Holz unter den Badetüchern, auf die sie sich gelegt hatten und alles kam zurück.

Natürlich.

Die Sauna.

Ihr Hand suchte Simon und sie fand ihn, direkt neben sich. Sie strich über seine Schulter und schmiegte sich an ihn. Er erwachte davon.

„Was ist?“, fragte Simon schlaftrunken.

„Nichts. Ich bin nur aufgewacht. Tut mir leid, ich wollte Dich nicht wecken.“

„Nicht schlimm.“ Er legte einen Arm um Chris und zog sie enger an sich. Sie umarmte ihn, ließ sich in seine Wärme sinken, genoss seine Zärtlichkeit und versuchte zu vergessen, wo sie war, wer sie war und was geschehen war.

Sie hatten miteinander geschlafen, kurz nachdem die Beiden, die aus dem Haus gekommen waren, gestorben waren. Es war völlig selbstverständlich passiert. Sie hatten Sicherheit gesucht und Leidenschaft gefunden und sich für kurze Zeit Vergessen geschenkt. Sie waren glücklich gewesen und gierig, und zumindest so viel von der Last des Tages war von ihnen abgefallen, dass sie danach, nach einer kurzen, erschöpften und zärtlichen Unterhaltung, die nichts mit Insekten, dem Garten und dem Tod zu tun gehabt hatte, Schlaf gefunden hatten. Nicht für lange.

Simon strubbelte durch Chris’ Haar. Mit einem Mal tauchte Sandras Gesicht vor ihm auf. Er schob es weg und hatte zu seiner Überraschung kaum ein Schuldgefühl. Er war tot, die Frage, wann genau sein Herz aufhören würde zu schlagen, war nicht relevant. Und wenn er die Chance hatte, bevor sein sicheres Ende besiegelt würde, noch ein wenig Wärme mit einem Menschen zu genießen, den er gern hatte, so war daran nichts Falsches. Er hatte Chris an diesem schrecklichen Tag sehr lieb gewonnen. Er streichelte sie sanft und küsste ihren Nacken.

„Wovon bist Du aufgewacht?“

„Weiß nicht, ein Geräusch, glaube ich.“ Sie lauschte. Und da war es wieder, wie sie im Traum gehört hatte. Es war die ganze Zeit da gewesen, im Hintergrund und so stetig, dass man es leicht überhören konnte. Sie hatte in das Geräusch hinein geträumt und war damit aufgewacht. Sie hatte von einer Geschichte geträumt, die sie vor vielen Jahren gelesen hatte. Eine Geschichte deren Titel ihr auf der Zunge gelegen hatte. Der Autor hatte irgendwie mit Liebe geheißen, Lovejoy, Lovepower, Lover…

Lovecraft.

Howard Phillips Lovecraft und die Geschichte war eine Kurzgeschichte gewesen, eine Geschichte mit einem Schloss und einem Keller darunter, einem riesigen Gewölbe die Geschichte hatte geheißen… hatte geheißen…

‚Ratten im Gemäuer.‘

Sie lauschte und verstand, woher das Geräusch kam. Und sie begann zu zittern.

„Nein“, hauchte sie. „Oh nein.“

„Was ist, Chris?“

„Hörst Du das nicht?“

„Was?“

„Hör doch mal hin.“

Er lauschte. Und dann hörte er es auch.

„Was ist das?“

„Sie sind in der Wand. Und im Dach. Simon, sie… sie werden hier rein kommen.“

Er hörte es und wusste, dass sie recht hatte. Ein Krabbeln und Schleifen kam aus den Wänden um sie und über ihnen – sie waren in der Wand. Und wenn sie von der anderen Seite hinein konnten, dann konnten sie auch auf dieser hinaus. Er wusste noch nicht, wie, aber sie würden es können, da gab es keinen Zweifel. Die Frage war auch nicht, ‚wie‘.

Die Frage war: ‚wann?‘

„Sie müssen irgendwo eine Lücke gefunden hatte“, überlegte Chris. „Und dann haben sie sich rein gefressen. Am Dach wahrscheinlich. Das ist schon lange nicht in Ordnung.“

„Können wir fliehen?“, fragte Simon. „Irgendwie?“

Sie überlegte. „Nein“, sagte sie schließlich sehr ruhig und sehr endgültig.

„Wir könnten versuchen, zum Haus zu rennen.“

Chris schüttelte den Kopf. „Der Weg ist viel zu lang.“ Sie überlegte wieder. „Natürlich wäre es eine Möglichkeit, schnell Schluss zu machen.“

Er schloss seine Arme um sie und sagte lange nichts.

„Gibt es eine andere Möglichkeit uns umzubringen?“ fragte er schließlich. „Damit…“ er schluckte heftig, „Damit… es nicht so weh tut?“

„Ich weiß nicht…“ Sie sah ihn durch einen Tränenschleier an. „Wir könnten versuchen, uns mit den Bademantel-Gürteln aufzuhängen.“

Simon schüttelte den Kopf. „Das ist keine schmerzlose Lösung. Habt Ihr hier keine Schlafmittel? Das… das tut zwar auch weh… aber vielleicht… wenn wir schlafen, wenn sie reinkommen…“

„Nein. Das ist ‘ne Sauna, Simon.“

Er nickte. „Klar.“

Sie sagten lange nichts und klammerten sich aneinander.

„Willst Du laufen?“, fragte sie schließlich.

„Willst Du?“

„Nein. Ich habe Angst.“

„Ich auch.“

„Ich werde Dich nicht aufhalten. Ich will nicht… will nicht…“

„Ich will bei Dir bleiben. Ich will nicht alleine sein. Und ich will Dich nicht alleine lassen.“

„Können wir.. können wir darauf warten? Auf so was?“

„Tun wir das nicht schon seit gestern Morgen?“

Sie weinten beide still. Dann umfasste sie ihn sanft und zog ihn auf sich. Sie flossen umeinander, wurden eins und der Schrecken verging.

Und sie flohen.

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Das Museum Essentieller Artefakte – Clownsfußfalle

Erinnert Ihr Euch an die Killerclowns? Und wie sie plötzlich wieder verschwunden sind? Nun – es lässt sich leicht ausrechnen, was mit ihnen passiert ist. Mein Mitleid ist endenwollend.

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

Zum heutigen Beitrag einen kurzen historischen Vermerk – wie schon erwähnt, die Museums-Sammlung hab ich 2016 geschrieben, als gerade unter anderem eine seltsame Seuche von gruseligen Clowns im Land herrschte. Ausgehend davon, dass einer meiner Lieblingsmenschen Clownsphobikerin ist und von der Aussicht, dass plötzlich irgendwo so ein maskierter Trottel hervorhüpfen könnte, echt gestresst war – nun, ich hatte einen ziemlichen Grant auf die Typen. Liest man vielleicht.

Ausstellungsstück 891

Übergroße Fußfalle mit Emblem des heiligen Zepedian

Der Orden des Heiligen Zepedian wurde als Laienbruderorden im 8. Jahrhundert am Hof des Prespyter Johannes gegründet, um sich einer besonderen Geisel der Menschheit anzunehmen.Keiner weiß, wo sie herkommen, keiner weiß, welchem finsteren Dämon sie dienen, und dennoch: alle paar hundert Jahre tauchen sie aus dem Nichts auf, um in dunklen Gassen zu lauern, Kinder zu erschrecken und die Welt im Allgemeinen ein wenig unfreundlicher zu machen.

Schon damals wusste man: Killerclowns sind die…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 60 – Der Ruf, Teil 35

Schön dass Ihr wieder den Weg an mein Geschichtenfeuer gefunden habt. Nachdem ich Euch an den letzten Tagen so viel zugemutet habe, bin ich heute mal nicht so – und erzähle Euch von einem Traum:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34



Der Ruf – Teil 35

Im Haus, gegen 1.30 Uhr

In the night, no control

Through the wall, something’s breaking

Branigan.

Laura Branigan.

Sang.

Natürlich. Er war ja auf der Party. Die Revival Party, klar, Chris Geburtstag. Aber die Musik… das war eine andere Party… die 80er…

Philip schlug die Augen auf. Er war nicht im Haus, er war auch nicht im Garten, es war ein anderer Ort. Ein Saal, niedrige Decke, Dunkelheit durchbrochen von flackerndem Strobolicht, dass die Bewegungen der Tänzer im Raum zerhackte. Er sah Chris und Simon, Bastian und Maike, Martina, Michael, Khan…

Das konnte doch nicht sein…

Warum nicht?

Nun – Martina war doch tot, oder? Er hatte sie sterben sehen. Und Khan und Michael…

Aber nein, sie waren nicht tot, dort tanzten sie und im Flackerlicht sahen sie mal aus, als wären sie erwachsen und mal, als wären Jugendliche, und mal als wären sie…

Er erinnerte sich.

Die Revival Party? Ja… aber… was war mit der Musik

Laura Branigan …

Die Party bei Chris. Eine andere Party. Nach dem Abi. Eine dieser vielen Partys im Sommer, bevor sie sich getrennt hatten.

Die 80er-Party bei Chris.

Und Stephan und er waren betrunken gewesen. Und sie hatten geschworen…

Markus und Tanja kamen an ihm vorbei, Hand in Hand.

Das konnte doch auch nicht sein, oder?

Er sprach Tanja an.

„Wo sind wir?“

Sie lächelte. „Auf der Party.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, das kann nicht sein. Die Party…“

„Aber sieh Dich doch um“, sagte sie. „Hör doch!“

So I guess I’ll just believe it

That tomorrow never comes…“

„Dein Lied“, sagte Markus. „Ist das Dein Lied?“

„Nein, mein Lied ist…“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, mein Lied ist nicht aus den 80ern.“

Markus sah ihn streng an. „Dann darfst Du es nicht spielen. Wir spielen nur Lieder aus den 80ern.“

Philip nickte. „Ja. Ja, ich weiß.“

Tanja klopfte ihm auf die Schulter. „Vielleicht fällt Dir ja noch eins ein.“

„Ja vielleicht.“ Er dachte angestrengt nach. Er musste die beiden etwas fragen, etwas sehr Wichtiges. Dann erinnerte er sich.

„Seid Ihr nicht tot?“

Sie sahen sich einen Moment unsicher an.

„Vielleicht“, sagte Tanja. „Ist das wichtig?“

„Ich glaube schon.“

„Warum?“

„Weiß ich nicht. Vielleicht…“ Er überlegte angestrengt. „Vielleicht, weil es dann nicht wirklich sein kann?“

Markus lachte. „Es ist wirklich. Was könnte wirklicher sein?“

Philip schüttelte den Kopf. „Wo sind wir?“

„Auf der Party.“

„Nein. Nein, nicht so. So war es nie.“

„Jetzt schon“ sagte Markus. „Jetzt ist es so.“

Sie gingen weiter, Hand in Hand, und mit jedem Stroboblitz wurden sie jünger, fielen die Jahre von ihnen ab, kehrten sie zurück in die Zeit, als all sie alle jung gewesen waren.

„He!“, rief er ihnen hinterher.

Tanja drehte sich um. Ihr Teenagergesicht lächelte.

„Ja?“

„Was ist Euer Lied?“

Sie grinste, ein uraltes Grinsen in dem unwirklich jungen Gesicht.

„Das weißt Du doch.“ Ihre Stimme klang plötzlich so weit weg.

„Nein, welches?“

Im nächsten Blitz sah er ihr Gesicht, und es war nicht mehr jung und frisch, sondern aufgedunsen und tot. Dann wieder Dunkelheit und ein neuer Blitz und Tanja, die Dreißigjährige war wieder da, wie sie am Freitagnachmittag in den Garten gekommen war, wenige Stunden, bevor sie bei dem gemauerten Grill gestorben war. Sie lächelte ihn an, so traurig, mitleidig und wissend.

„We fade to grey“, sagte sie. Dann drehte sie sich um, zog Markus zur Tanzfläche und verschwamm mit den anderen Körpern im verwirrenden Wechsel aus Licht und Dunkelheit.

Britt war bei ihm.

„Du musst keine Angst haben“, sagte sie.

„Nicht?“

„Nein. Ich werde Dir helfen. Fürchte nichts.“

Sie gab ihm einen Kuss und ging in Richtung Tanzfläche. Sie humpelte. In der rechten Hand trug sie eine große Axt.

„Wirst mich retten“, murmelte Philip aus einer nebelhaften Erinnerung heraus.

Ganz in seiner Nähe, am Rande der Tänzer, wiegten sich Kat und Stephan, eng umschlungen. Sie versanken in einem Kuss, dann lösten sie sich voneinander, Kat ging von der Tanzfläche und verschwand in der Dunkelheit dahinter, Stephan kam zu ihm herüber. Sie standen eine Weile nebeneinander und sahen auf die Tanzfläche.

„Wo ist sie hingegangen?“, fragte Philip schließlich.

„Weiß nicht“, sagte Stephan. „Ist aber auch nicht so wichtig. Nach der Party sehe ich sie wieder. Dann bringe ich sie nach Hause.“

„Ja?“

„Ja.“

I’m living in the forest of a dream

I know the night is not as it would seem

Stephan lauschte versonnen.

„Wusstest Du,“ sagte er wie zu sich selbst, „dass Kat und ich auf dieses Lied zum ersten Mal miteinander getanzt haben?“

„So?“

„Ja, damals in der Jugendherberge. Erinnerst Du Dich?“

Philip erinnerte sich. Sie waren alle um die dreizehn gewesen. Stephan hatte es offenbar mehr bedeutet als ihm. Und Kat vielleicht auch. Aber das hier war nur zufällig das selbe Lied. Oder?

„Das ist nicht die Jugendherberge“, sagte er.

Stephan schüttelte den Kopf. „Richtig, das ist sie nicht. Eine andere Party. So viele Partys. So viele Lieder. Erinnerst Du Dich?“

„Dann ist das Euer Lied?“, fragte er.

„Was? Oh, nein, nein. Das ist nicht unser Lied. Es ist nur schön, nochmal darauf zu tanzen. Ist es Deins?“

„Nein. Welches ist denn Eures?“

Stephan überlegte eine Weile. „Ich weiß nicht. Wer weiß sowas schon?“

„Tanja wusste ihres.“

Stephan grinste wölfisch. „Ja, das ist klar.“

Sie standen wieder eine Weile schweigend nebeneinander.

„Erinnerst Du Dich?“, fragte Stephan noch einmal.

„Woran?“

„Das Lied. Chris‘ andere Party. Die 80er-Party. Du hast geschworen.“

„Ja, wir…“

„Freundschaft“, sagte Stephan ernst. „Erinnerst Du Dich?“

„Ja. Wir waren ziemlich voll oder? Du hast gesagt…“

Stephan sah ihn seltsam wissend an. „Voll oder nicht, wir haben es so gemeint. Jederzeit. An jedem Ort. Erinnerst Du Dich?“

„Klar.“ Philip fühlte sich unbehaglich. Ihm kam der Gedanke, dass das hier ja wohl ein Traum war. Und dass er jetzt gerne aufwachen würde.

„Das ist ein Traum, oder?“, fragte er.

„Ja“, sagte Stephan. „Aber ändert das etwas?“

Philip hatte das Gefühl, dass das durchaus etwas änderte, aber ihm fiel nicht ein, warum.

„Ich könnte Deine Hilfe brauchen“, sagte Stephan schließlich.

Philip wurde kalt. „Wobei?“

„Du könntest mir helfen, unser Problem zu lösen, alter Freund.“

„Welches?“

Stephan deutete auf die Tanzfläche. Philip schaute in die Richtung, die sein Freund wies. Hinter den Tänzern erkannte er nun ein großes Pult mit mehreren Plattenspielern. Christoph stand dahinter.

„Ich brauche Deine Hilfe, wenn das aufhören soll“, sagte Stephan. „Hilfst Du mir?“

„Sicher“, hörte Philip sich sagen. „Habe ich Dich je im Stich gelassen?“

Stephan grinste wieder. „Nein.“

Dann war er plötzlich fort und Philip blieb zurück, mit einem leeren Gefühl und der Ahnung, etwas falsch gemacht zu haben. Etwas Wichtiges.

Der Raum verschwamm und die Musik verblasste.

„Philip.“

Er durfte nicht vergessen. Es war etwas Wichtiges gewesen. Er musste…

„Philip.“

Er versuchte, die Erinnerung zu greifen, aber…

„Philip.“

Es war fort. Und nur die Musik blieb, nur die Musik. Fern und blass.

„Philip.“ Jemand strich über seine Wange und seine Stirn. „Himmel, Du bist ja völlig verschwitzt.“

„Heiß“, murmelte er. „War heiß, da. Alle haben getanzt…“

„Philip. Alles in Ordnung?“

Er schlug die Augen auf und sah in Britts besorgtes Gesicht.

„Wirst mich retten“, flüsterte er.

Sie streichelte ihn. „Ja, wovor auch immer.“

„Helfen…“

Sie küsste ihn. „Hattest Du einen schlimmen Traum?“

Er schüttelte den Kopf, setzte sich auf und zog sie in seine Arme.

„Nein“, sagte er. „Nein, nicht so schlimm.“

FORTSETZUNG FOLGT


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