schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 67 – Der Ruf, Teil 42

Kommt her, ich erzähle Euch eine Geschichte. Viel ist nicht mehr übrig, vom „Ruf“, ich erzähle Euch die wenigen verbleibenden Seiten also in etwas kleineren Portionen. Die heutigen hätte ich aber so oder so nicht länger erzählt. Es passiert genug. 😉

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35

Der Ruf – Teil 36 Der Ruf – Teil 37 Der Ruf – Teil 38 Der Ruf – Teil 39

Der Ruf – Teil 40 Der Ruf – Teil 41


Der Ruf – Teil 42

Im Flur, gegen 8.45 Uhr

Der Hohepriester bewegte sich lautlos durch den Flur. Als er seine Ruheposition über der Treppe eingenommen hatte, hatte er sich ganz in seinen Wirt zurückgezogen, mit Ausnahme eines wachen Sinnes, der durch die Augen seiner Sklaven beobachtete. In dieser Zurückgezogenheit hatte er seine Kontrolle über den Körper vervollkommnet, hatte geforscht und gelernt, um schließlich diese Hülle gänzlich zu verstehen. Bisher war es nicht nötig gewesen, so in die Geheimnisse seines Wirtes einzutauchen. Den ersten beiden war er zufällig begegnet, die anderen hatten seine Sklaven getötet. Nun aber würde er mit jenen kämpfen müssen, die ihn erwarteten.

Dann war unten etwas geschehen. Seine Sklaven hatten ihm die Empfindung bestätigt – einer hatte sich von den anderen abgesondert, war alleine in den Raum gegangen, wo sie den Körper einer Gefallenen aufbewahrten. Sie war von eigener Hand gestorben. Der Hohepriester kannte dieses Phänomen der Schwäche, es war sehr alt. Er verlachte es.

Er war die Treppe hinunter gestiegen, leise, fast schwebend. Ja, er hatte mehr Kontrolle über diesen Körper als sein eigentlicher Besitzer je gehabt hatte. Das Gekreische dessen, der ihn gerufen hatte, war nun die permanente Hintergrundmusik seiner neuen Existenz. Es störte den Hohepriester nicht besonders. Er hatte schon viele Seelen versklavt auf viele verschiedene Weisen, er war an diese Geräusche gewöhnt.

Er war durch den Flur gegangen, leise, mit ausgebreiteten Armen. Er hatte die Körper berührt, die an den Wänden krabbelten und in der Luft schwebten, still auf seine Befehle wartend. Er fühlte die Pelzigen und die Glatten, fühlte jedes einzelne, gab ihnen Namen und Rang und manche starben vor Ehrfurcht. An der Biegung des Flures blieb er stehen und wartete, bis sie bei ihm waren, die dieses Haus für ihn erobert hatten.

„Gut“, sagte er leise in einer uralten Sprache, die sie verstanden. „Und nun folgt mir.“

Und als er den Flur hinabging zur Schlafzimmertür, da waren sie um ihn und zogen mit ihrem Meister dem Ende der Schlacht entgegen. Dem Sieg.

Kein Feind, der ihm gewachsen wäre.

Im Schlafzimmer, gegen 8.50 Uhr

Bastian zog Hose und Unterhose wieder hoch und schlug die ausgelegte Zeitung zu einem handlichen Paket zusammen. Bei all dem vermied er peinlich, den verhüllten Körper auf dem Bett anzusehen. Er hatte seine Verrichtung erledigt, indem er Sabine den Rücken zudrehte, immer gequält von Bildern, in denen der tote Körper sich unter den Tüchern erhob und ihn von hinten ansprang. Er hätte sich die paar Horrorfilme, die er angesehen hatte, besser auch sparen sollen. Bastian wandte sich eben zum Gehen, als er ein leises Geräusch an der Tür zum Flur hörte. Er drehte sich um und sah verwirrt zur Tür. Erneut: ein sanftes Klopfen. Er wusste, dass da draußen die Insekten waren. Aber die konnten doch nicht klopfen.

Wieder, leise und eindringlich: Klopf. Klopfklopf.

Christoph? Konnte er es schon sein? Nein, auch nicht, selbst wenn er durch die vordere Tür gekommen wäre, sie hätten ihn hören müssen.

Klopf. Klopfklopf.

Bastian bewegte sich auf die Tür zu, wie gezogen. Er wusste, dass es nicht klug war, dass es falsch war, völlig falsch. Aber da draußen war ein Mensch. Vielleicht war Hilfe gekommen? Polizisten, Feuerwehr, Wissenschaftler auf der Suche nach Überlebenden? Es war Unsinn, er wusste es. Aber er ging weiter auf die Tür zu.

Klopf. Klopfklopf.

NEIN!

BASTIAN!

NEIN!‘

Die Stimme heulte so plötzlich in seinem Kopf auf, das er erschrocken stehen blieb. Sie hatte weit entfernt geklungen und sie war von Kälte begleitet gewesen, beißender Kälte. Und sie war ihm bekannt vorgekommen. Er lauschte noch einen Moment, nicht völlig sicher, ob die Stimme von außen oder aus ihm selbst gekommen war. Aber da war nicht mehr. Er hatte es sich nur eingebildet.

Klopf. Klopfklopf.

Er machte unwillkürlich einen weiteren Schritt auf die Tür zu, angstvoll auf die kalte Stimme lauschend, doch sie kam nicht wieder.

Klopf. Klopfklopf.

„Ich komme ja“, murmelte Bastian. „Ich komme ja, ich…“

Mit einem Krachen flog die Tür aus den Angeln, sauste an Bastian vorbei, der erschrocken zur Seite sprang und schlug gegen die gegenüberliegende Wand. Ein gewaltiger, brauner Ball aus Insekten explodierte in den Raum und breitete sich rasend aus, im selben Moment waren sie überall, in der Luft, an Decken und Wänden, auf dem Bett, auf Sabine, auf dem Teppich. Bastian sank wimmernd zu Boden. Zu seiner Überraschung fielen sie nicht über ihn her. Er nahm die Hände vom Gesicht und sah auf. Christoph stand über ihm.

Und doch nicht Christoph.

Es war sein Körper, seine mit Dreck bedeckte Kleidung, sein blondes Haar, in dem Stöckchen und Erde klebten, aber das Gesicht darunter war nicht Christophs, auch wenn es seine Züge hatten. Das Weiße in seinen Augen hatte einen tief gelben Ton angenommen, bei dessen Anblick sich Bastian der Magen umdrehte. Die Pupillen waren schmal geworden und fast ganz schwarz. Sein Mund war zu etwas verzogen, das wie ein breites Grinsen aussah, die geschlossenen Lippen waren dünn und aufs äußerste gedehnt und hinter diesem ekelhaft starren Grinsen waren die Zähne zu erahnen. Und auch mit denen stimmte etwas nicht. Bastian drehte sich zur Seite, würgte krampfartig und erbrach.

Er wurde am Kragen gepackt und hochgezogen und obwohl er die Augen schließen wollte konnte er es nicht. Das Gesicht, diese grausige Parodie eines Menschen, war nun direkt vor ihm. Das Wesen zog die Luft ein und lachte keckernd. Dann öffnete sich der Mund. Bastian spürte keinen Schmerz, als sich die Zähne in seine Oberlippe, Kinn und Kiefer gruben und seinen Mund aufzwangen. Er spürte, wie sein eigenes Blut an seinem Hals herab lief, aber die Schmerzen dieses obszönen Kusses spürte er nicht. Er war schon auf seinem Weg fort, weit fort.

Mit einem Male fiel ihm ein, wessen Stimme das eben gewesen war, so fern, so kalt.

Es war Sabine gewesen. Er hätte wohl auf sie hören sollen.

Dann begann der Hohepriester zu saugen und Bastian wusste nichts mehr, dachte nichts mehr, fühlte nichts mehr und verging.

FORTSETZUNG FOLGT




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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 66 – Der Ruf, Teil 41

Heute erzähle ich Euch eine kleine Lagerfeuerszene, in der unsere Held*innen ein letztes Mal ihre Informationen zusammentragen und analysieren. Damit beginnt das letzte große Kapitel des Romans. Und Bastian darf einen ikonischen Horrorsatz sagen. 😉

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

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Der Ruf – Teil 40



Der Ruf – Teil 41



TAG 3

Today it’s gonna be

such a good day

to say „goodbye“.

(Kunek, „Good Day“)

1

DAS ENDE

Im Wohnzimmer, gegen 8.00 Uhr

Maike erwachte aus unruhigen Träumen, und ihr erster Gedanke galt Christoph. Philip hatte gesagt, er würde kommen, vermutlich vom Wald her. Sie sah sich hastig um. Ihr Blick fand zunächst nur Bastian, der neben ihr auf dem Boden lag. Sein Atem ging leise und keuchend, Schweiß glänzte auf seiner Stirn, sein dünner Haarkranz war feucht an die Kopfhaut geklatscht. Unwillkürlich fuhr Maike sich durch ihr eigenes Haar. Fettig und feucht, sie hätte einiges darum gegeben, einfach nur duschen zu können. Einige Minuten betrachtete sie ihren schlafenden Mann, gedankenverloren und traurig. Alles war zerschlagen, und geblieben war nur die Hoffnung, die Philip aus diesem Buch gezogen hatte. Ein verrückter Glaube, ja, aber war das nicht gleichgültig?

Sie seufzte und betrachtete Bastian. Es hatte kurz vor Chris erster Party angefangen mit ihnen, damals. Zufälle. Sie waren sich zufällig auf der Straße begegnet. Maike hatte zufällig gerade ein Taschengeld mit Bonus bekommen. Bastian war ihr in der Stadt über den Weg gelaufen, sie waren damals in der selben Klasse, kannten sich sonst aber kaum. Dennoch – die Sonne schien, sie hatte die Tasche voller Geld, den ganzen Tag war ihr nur Gutes widerfahren, Maike war high gewesen, einfach, weil alles so schön war, und sie hatte Bastian spontan zu einer Cola eingeladen. Dann war alles sehr schnell gegangen, sie hatten die Straße kaum betreten, in Geplauder vertieft, als ein Wagen heran rauschte, Bastian anfuhr und ihn für einen Monat ins Krankenhaus brachte. Maike hatte jeden Nachmittag dieses Monats an seinem Bett verbracht und der Rest war Geschichte. Es war schön gewesen, es hatte lange gehalten. Und es wäre für noch länger gewesen, vielleicht für immer, wenn sie nicht in diese Hölle geraten wären. Sie wusste, dass sie ungerecht war, aber sein sich treiben und ziehen lassen entnervte sie. Selbst jetzt hoffte er noch, dass irgend jemand die Entscheidungen für ihn traf. Sie bemerkte ihre Borniertheit, aber es half nichts. Jetzt mussten sie nur noch überleben, damit sie es ihm sagen konnte.

Maike sah sich nach Britt und Philip um, fand sie nicht sofort und fürchtete für einen Moment, sie seien nicht mehr da. Verschwunden, irgendwie, tot wie all die anderen oder geflohen auf einem Weg, den nur sie kannten. Dann hörte sie Atem hinter dem Sofa und sah erleichtert dahinter. Sie schliefen beide, Philip ausgestreckt, mit dem Kopf in Britts Schoß, sie an die Rückseite des Sofas gelehnt, den Kopf auf die Brust gesunken.

Christoph fiel ihr wieder ein. Sie hatten vergessen, eine Wache zu stellen, nachdem Philip seine Geschichte erzählt hatte, ein dummer Fehler. Sie ging zur Terrassentür und sah hinaus, aber da hatte sich nichts verändert. Maike sah auf Justus’ Leiche. Es tat weh, aber es war ein dumpfer Schmerz, tief in ihr. Durch das dunkle Visier des Helmes konnte sie sein Gesicht kaum erkennen, er war einfach ein toter Körper in einer Motorradkluft, die hier und da mit Tüchern umwickelt war. Wenn sie an ihn dachte, wie er sie aus dem Bad geholt hatte, wie sie hier im Wohnzimmer gesessen und wie sie gegen die Viecher gekämpft hatte, dann schmerzte es viel schärfer, kälter. Sie bemerkte Bewegung und drehte sich um. Die anderen erwachten. Bastian starrte sie aus trüben Augen an, offensichtlich erst halb wach, Philip stand gerade auf und flüsterte Britt etwas ins Ohr. Sie rieb sich Nacken und Schultern, halblaut vor sich hin fluchend. Philip stakste zu Maike ans Fenster.

„Morgen“, sagte er.

„Morgen.“

Philip ließ den Blick über die Terrasse schweifen.

„Hast Du was gesehen?“

Maike wusste, was er meinte. Sie schüttelte den Kopf.

„Wir hätten darauf achten sollen“, meinte sie. „Wir hätten den Garten beobachten sollen.“

Philip spähte weiter angestrengt hinaus.

„Ja, hätten wir.“ Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Na ja, offenbar haben wir nichts versäumt.“

„Er könnte sich verstecken. Oder durch die Garage nach vorne gegangen sein.“

Philip zuckte mit den Schultern. „Und wenn schon. Im ersten Fall sehen wir ihn, wenn er aus seinem Versteck kommt, im zweiten hören wir ihn, wenn er vorne durch die Tür kommt. Er kann uns jedenfalls nicht überraschen.“

Maike nickte. „Komm, setzten wir uns. Lasst uns frühstücken.“

„Gute Idee“, stimmte Bastian vom Tisch aus zu. Er war inzwischen aufgewacht und hatte die übrigen Lebensmittel auf dem Tisch ausgebreitet. Es sah nicht gerade üppig aus, aber sie würden auch nicht darben. Britt saß wieder auf dem Sofa und untersuchte ihr Knie. Philip ging zu ihr.

„Wie sieht es aus?“

„Genauso beschissen wie gestern. Weit komme ich damit nicht mehr.“

Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

„Notfalls trage ich Dich.“

Britt sah ihn ein wenig gequält an, konnte aber lächeln.

„Ich nehme Dich bei Gelegenheit beim Wort.“

Sie setzten sich an den Esstisch. Philip bemerkte mit einiger Sorge, dass Britt inzwischen wirklich stark humpelte. Bastian sah zu Maike, die immer noch am Fenster stand und hinaus sah.

„Willst Du nichts essen, Schatz?“

„Doch.“ Sie wandte sich um. „Doch schon, aber ich denke, wir sollten den Garten wirklich im Auge behalten. Wenn er kommt…“

„Wir sehen ihn von hier aus auch“, sagte Bastian. „Egal von wo er kommt, wir sehen ihn lange, bevor er an der Tür ist.“

Maike setzte sich zu ihnen, warf aber immer wieder misstrauische Blicke in den Garten. Die Tatsache, dass sie ihn dort nicht sahen, beruhigte sie überhaupt nicht. Sie hatte das ungute Gefühl, dass er schon näher war, als ihnen lieb sein konnte.

Sie hatten etwas trockenes Brot, zwei Bifis, sechs schrumpelige Äpfel, diverse Schokoriegel, ein paar Flaschen Wasser, drei Dosen Cola und eine Flasche Bier. Als sie fertig waren, sah Maike sah wieder in den Garten hinüber. Immer noch nichts. Britt hatte ihren Blick bemerkt.

„Was machen wir, wenn er kommt?“

Alle drei sahen Philip an. Der zuckte mit den Schultern.

„Haben wir doch schon besprochen. Wir überwältigen ihn, und…“

„Ja“, unterbrach ihn Maike, „schon klar. Aber wie genau stellst Du Dir das mit dem Überwältigen vor?“

„Ich weiß nicht.“ Er sah etwas ratlos in die Runde. „Wir sind vier und er nur einer. Wir werden schon mit ihm fertig werden, oder?“

„Aber wie?“, fragte Britt. „Maike hat schon recht – wie überwältigen?“

„Wir könnten ihm einen von den Schürhaken überziehen“, schlug Maike vor. Britt schüttelte den Kopf.

„Auf keinen Fall. Vergesst nicht, dass es immer noch Christoph ist, besessen oder nicht. Wir könnten ihn umbringen, wenn wir sowas machen. Wir müssen etwas anderes finden.“

„Wir gehen einfach alle sofort auf ihn los“, sagte Philip. „Gleichzeitig, damit er uns nicht einzeln angreifen kann. Und dann schlagen wir ihn k.o. und fesseln ihn.“

Maike sah wieder zum Garten hinüber. „Wenn er überhaupt kommt.“

„Wenn nicht“, erwiderte Philip, „haben wir immer noch genug Zeit uns etwas Neues zu überlegen. Im Moment haben wir ein Patt mit den Viechern.“

Bastian stand auf und Ging in Richtung Schlafzimmertür. Maike sah ihm hinterher. „Wo gehst Du hin?“

„Ins Schlafzimmer.“

Maike runzelte die Stirn. „Was willst Du denn da?“

Bastian sah verlegen aus. „Ich… ich muss… Und ich habe keine Lust, es hier… ich meine… das mit dem Kamin funktioniert doch auch nicht richtig. Dauert nur ‘ne Minute.“

„Er hat Recht“, sagte Britt, „es kann nicht gut sein, wenn wir hier drinnen…“

ER IST NAH! ER IST WACH! ER IST NAH!“

„Was?“ Die Stimme war so dröhnend und plötzlich durch Philip gedonnert, dass er unwillkürlich laut geantwortet hatte. Die anderen sahen ihn erstaunt an.

„Wie?“, fragte Britt.

„Nichts.“ Philip hatte sich mühsam gefangen. „Ich dachte, ich hätte was gehört. War nichts.“

Bastian öffnete die Schlafzimmertür. „Ich bin gleich zurück.“

FORTSETZUNG FOLGT

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Das Museum Essentieller Artefakte: Eine Axt

Heute war Sarah wieder schneller als ich. Analog zum bekannten „mögest Du in interessanten Zeiten leben“, sollte es auch eine Regel geben, nach der es viel besser ist, NICHT in Geschichtsbüchern zu stehen. Von daher: Alles richtig gemacht, Rolvik. 😉

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Ausstellungsstück 3215:

Axt von Rolvik Blutauge

Die Barbarenhorde von Rolvik Blutauge und seinen acht Brüdern trieb im 4. Jahrhundert in Mitteleuropa ihr Unwesen. Die Männer sähten Furcht und Schrecken, wo immer ihre Schritte sie hinführten… oder sie versuchten es zumindest.

Das Problem bestand darin, dass die Gebrüder Blutauge in jungen Jahren ihre Eltern verloren hatten und waren danach von ihrer Großmutter großgezogen worden waren, einer gleichermaßen liebevollen wie gestrengen Dame. Im Lauf ihrer Kindheit hatte sie den Brüdern gute Manieren so knochentief eingedrillt, dass diese auch im Erwachsenenalter einfach nicht in der Lage waren, sich von dieser Konditionierung zu lösen.

Wenn sie beispielsweise ein Dorf plündern, die Felder niederbrennen und die Erde salzen wollten, so ertappten sie sich stattdessen dabei, wie sie ein paar Tage blieben, um mit der Ernte zu helfen. Anstatt Jungfern wie geplant zu schänden, trugen sie ihnen stattdessen die Einkäufe nach Hause und machten widerspenstige Marmeladengläser…

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Das Museum Essentieller Artefakte: Ein Foto

Heute in Sarahs Katalog wieder eines dieser wunderschönen Artefakte, hinter denen eine unauslotbare Tiefe von Geschichten ist – oder nichts als ein wirklich schöner Gedanke.

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

Ausstellungsstück 5552

Schwarz-Weiß-Fotos zweier Menschen

Die Identität der beiden abgebildeten Personen ist unbekannt. Das Foto hat weder durch Framing noch Komposition einen besonderen künstlerischen Wert und ist so verschwommen, dass der Betrachter nicht einmal sicher sagen könnte, ob es sich um zwei Männer, zwei Frauen, oder ein gemischtes Paar handelt. Der einzige Teil des Bildes, der scharf abgebildet ist, sind die ineinander verschlungenen Hände der zwei Gestalten.

Bemerkenswert an diesem Foto vor allem die Reaktion der Betrachter. Sie bleiben oft stundenlang davor stehen, völlig versunken, als gäbe es keinen berührenden Anblick auf der Welt. Nach mehreren Zwischenfällen sind unserer Wärter angehalten, diese Besucher auf Anzeichen Dehydration und Erschöpfung zu beobachten und sie gegebenenfalls sanft aus dem Raum zu führen. Wir waren auch gezwungen, neben der Vitrine einen Taschentuchspender zu installieren, um dem andauernden Geschluchze und Geschniefe Herr zu werden, denn mehr als ein Besucher kann seine Rührung einfach nicht im…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 65 – Der Ruf, Teil 40

Heute erzähle ich Euch, wie Philip sich erneut in andere Welten träumt – oder besser, in eine andere Geschichte und trifft dort eine meiner Lieblingsfiguren. Sie gibt ihm guten Rat, wir werden hören, ob es etwas nützt.

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Der Ruf – Teil 40

Im Garten, gegen 5.30

Der Hohepriester bewegte sich am Rande des Gartens durch die Bäume, sorgsam darauf bedacht, außer Sicht derer zu bleiben, die in der steinernen Hütte eingeschlossen waren. Es war noch nicht an der Zeit, sich zu zeigen. Aber er musste in ihre Nähe kommen, um angreifen zu können, wenn der richtige Zeitpunkt da sein würde. Zeit und Schnelligkeit waren nun entscheidend. Und er musste auf den anderen achten, den, er ihm gefolgt war. Dessen Pläne kannte er nicht. Er musste wachsam bleiben.

Der Hohepriester stieg über eine Leiche, ging noch ein Stück am Rand des Gartens entlang und erreichte schließlich die Rückwand der Garage. Leise öffnete er die hintere Tür, drückte sich an einem Auto vorbei und verließ die Garage durch das offene Tor wieder. Nun war er an der Vorderseite des Hauses. Er erwog kurz, durch die Eingangstür hinein zu gehen, verwarf den Plan aber sofort wieder. Sie würden es hören. Er ließ sich neben der Garage wieder, schloss die Augen seines Wirtes, die ihm die Welt umher zeigten und konzentrierte sich ganz auf die Bilder, die seine Sklaven ihm schickten. Bald hatte er den richtigen Weg gefunden und lächelte in sich hinein.

Er wäre ihnen nah und doch unerreichbar.

Der Hohepriester ging an der Hauswand entlang, bis fast zur gegenüberliegenden Ecke. Dann legte er seine Hände an die Hauswand und begann, hinaufzukriechen, bis er bei dem offenen Fenster im ersten Stock angelangt war. Er zog sich hinein. Viele seiner kleinen Diener warteten hier auf ihn. Er stakste durch den Raum, verließ ihn wieder, ging durch den Flur bis zur Treppe, leise, leise damit sie ihn nicht bemerkten, passierte den Raum, in dem immer noch Sabines Bücher lagen und die Tür, hinter der Britt und Philip geschlafen hatten. Dann war er an der Treppe und spähte hinunter. Ja, hier war ein guter Platz. Er legte sich neben der Treppe auf den Rücken, lauschte und spürte und begann zu warten.

Im Haus, gegen 6.00 Uhr

Maike schlief, Britt hörte ihr leises Schnarchen von der anderen Seite des Sofas. Auch Bastian war wieder eingeschlafen, hin und wieder murmelte er Wortfetzen. Sie hörte nicht zu, sie sah auf Philip. Britt hatte seinen Kopf in ihren Schoß gebettet und streichelte ihn. Im Moment waren alle Sorgen um die Insekten, um Christoph, um ihr Knie und ihr Überleben aus ihrem Geist verschwunden, sie fürchtete nur um Philip. Er schlief nicht ruhig, sein Haar, Nacken und Rücken waren verschwitzt, schmierig feucht, sein Mund formte unablässig Worte, die sie nicht hören konnte, ein einziges, ungebrochenes, lautloses Gebrabbel. Es machte ihr Angst.

‚Es wird klappen‘, hatte er gesagt.

Sie wollte ihm vertrauen, wollte glauben, dass es eine Rettung gab, dass er einen Weg kannte zu besiegen, was immer dieses Grauen verursacht hatte, sie wollte es von ganzem Herzen. Und nun, da es draußen tagte, schien das auch nicht mehr ganz so schwer. Die Morgensonne fiel durch Fenster und Tür herein. Von hier aus konnte sie keine Toten sehen, nicht einmal Justus, direkt vor der Tür. An die Insekten, die auf den Scheiben krabbelten, hatte sie sich inzwischen tatsächlich gewöhnt. Den Menschen gehörte das Zimmer, den Insekten der Garten und der Flur, so war das eben. Es war eine Art Status Quo entstanden, festgeschrieben durch ihren letzten, vergeblichen Versuch ihn zu durchbrechen. In einer anderen Situation, mit anderen Gegnern, wäre es jetzt wohl an der Zeit, Verhandlungen zu beginnen. Britt lächelte bitter. Da draußen lagen ihre Freunde, tot, und sie hatte sich schon daran gewöhnt.

Und dann Philip. Sie streichelte sein nasses Haar und betrachtete ihn zärtlich. Damals, vor fünfzehn Jahren in einer anderen Welt, hatte sie ihn für den Wertvollsten gehalten. Justus war schillernder gewesen, verrückter. Vielleicht hätte sie sich damals um Philip bemühen sollen, vielleicht bog sie sich auch die Vergangenheit nur in ihrer Erinnerung zurecht. Aber als sie ihn vorgestern wiedergetroffen hatte, als sie zusammen in der Buchhandlung waren und dann auf der Party, da hatte sie gewusst, dass sie ihn haben wollte. Wie lang war das jetzt her, dieser Moment, als alles klar gewesen war? 24 Stunden? Etwas mehr, aber nicht viel.

Und nun? Sie zupfte gedankenverloren und traurig an seinen grauen Strähnen.

Nun verbarg er etwas vor ihr und sie fürchtete, dass er vor ihren Augen wahnsinnig wurde.

Was war dieses Geheimnis, von dem er nicht erzählen wollte?

Worüber sprach er im Traum?

Und mit wem?

Philip stolperte durch den Wald. Es war tief in der Nacht und er konnte kaum etwas sehen. Er war alleine, Britt war fort und Maike und Bastian und auch die Insekten waren verschwunden. Er war aufgewacht und in den Garten gegangen, er wollte sie suchen, Britt und Stephan und Kat. Der Garten lag leer im Mondlicht, keine Leichen, keine Insekten, als seien sie alle lange verschwunden. Er war die Wiese hinunter gelaufen, in den Wald hinein und auf den Weg zum See, aber da war kein See und er war immer tiefer in den Wald geraten, auf der Suche nach seinen Freunden. Es war kalt geworden, immer kälter, das war schon lange keine Sommernacht mehr. Ein beißender Wind pfiff durch die Bäume und zerrte an seinem T-Shirt. Philip fror erbärmlich, aber er musste seine Freunde finden. In der Ferne hörte er einen Knall, dann noch einen und durch die Baumwipfel erkannte er fernes Feuerwerk. Wurde dort irgendwo gefeiert, eine andere Party?

Er erreichte den Waldrand und fiel fast in einen Graben, der den Wald von einem kahlen Feld trennte. Nun sah er, dass die Nacht hell war von Feuerschein. Das Feuerwerk war hinter ihm, doch jenseits des Feldes wütete eine Feuersbrunst. Er hörte Schreie und irgendwo, am Rande seines Bewusstseins, erkannte er den Ort. Es war nicht weit von zu Hause, und wenn er ein wenig nachdachte… Philip bemerkte eine Bewegung neben sich und fuhr herum.

Da saß eine Frau neben ihm im Graben, die er noch nie gesehen hatte. Sie war etwa in seinem Alter, klein, zierlich aber drahtig. Sie trug einen dicken schwarzen Hoodie unter einer Jeansjacke. Eine Schirmmütze, unter der ein dichter, blonder Schopf zu ahnen war, beschattete ihr Gesicht, aber er sah wache Augen, in denen leichter Spott lag.

„Und wer bist Du?“, fragte sie freundlich. Sie sprach mit Akzent, englisch oder amerikanisch.

„Philip. Philip Barningfeld.“ Er reichte ihr die Hand. Sie wechselte etwas von der rechten in die Linke und schlug ein. Er sah, dass es ein Messer war. Ein langes, zweischneidiges Messer mit geschwärzter Klinge. Es sah gemein aus. Sie aber lächelte immer noch freundlich.

„Und was machst Du hier, mitten in der Nacht, Philip Barningfeld?“

„Ich suche meine Freunde. Sie… sie sind verschwunden. Kat und Stephan. Und dann ist Stephan wiedergekommen aber er war… er ist tot. Und jetzt ist er fort. Und Britt ist auch weg.“

„Wo wart ihr denn?“

„Auf der Party. Der Revival-Party. Da am See.“ Er deutete vage in Richtung Wald. „Aber es war Sommer. Und jetzt ist es so kalt.“

Die Frau lachte leise. „Dort gibt es keinen See und keine Party. Und es ist Winter, Philip. Ich glaube nicht, dass das Dein Wald ist. Das ist nicht Dein Wald, das ist nicht Dein Kampf und das ist nicht Deine Geschichte.“ Sie sah ihn nachdenklich an. „Und trotzdem bist Du hier. Was hast Du damit zu tun?“

„Womit?“

Sie überhörte die Frage. „Was ist denn mit Deinen Freunden?“

„Sie sind verschwunden.“ Er schauderte. „Stephan ist tot und Kat bestimmt auch. Aber ich weiß nicht wo Britt ist. Und Stephan spricht mit mir.“

„Obwohl er tot ist?“

„Ja, er hat mir gezeigt, wie ich das Buch lesen soll.“

„Was für ein Buch?“

„Es heißt ‚Wege und Tore’, es ist von…“

„Darius von Delft.“

Er sah sie erstaunt an und bemerkte, dass Ihre Augen glänzten.

„Du kennst es?“

„Ja.“ Sie seufzte schwer. „Oh ja, ich kenne es sehr gut. Es ist ein schreckliches Buch.“ Er sah Trauer in ihrem Blick. Sie atmete tief Luft durch und sah ihn offen an.

„Was immer Du mit diesem Buch zu tun hast, Philip, Du bist in großer Gefahr. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.“

„Ja, das weiß ich. Sie sind fast alle tot. Die Insekten haben sie getötet. Christoph – irgend etwas ist in Christoph.“

Sie nickte. „Also Du weißt es schon. Darf ich Dir einen Rat geben?“

„Ja.“

„Nichts ist so, wie es scheint. Glaube an nichts und Niemanden. Wo immer dieses Buch auftaucht geschehen entsetzliche Dinge. Liebt Dich jemand? Hast Du Verbündete?“

„Ja. Britt.“

„Sie kann Dich vielleicht retten. Wenn sie stark ist.“ Sie seufzte tief und zitternd. „Vertraue auf nichts anderes.“

„Was ist mit Dir? Warum bist Du hier?“

„Ich suche meinen Verbündeten. Meinen Freund. Den Schwarzen Mann. Aber er ist nicht mehr hier.“

„Wo ist er?“

Sie schüttelte traurig den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ Dann stand sie auf und schickte sich an, aus dem Graben zu klettern. „Und hier ist der Kampf vorbei. Ich werde woanders suchen. Willst Du mir einen Gefallen tun?“

„Gerne.“

„Wenn Du ihn siehst… Wenn Du den schwarzen Mann siehst und nicht stirbst dabei, willst Du ihn dann zu mir schicken? Willst Du ihm sagen, dass ich auf ihn warte, obwohl er sein Versprechen gebrochen hat?“

„Ja. Wenn ich ihn sehe.“

Sie stand nun am Rand des Grabens und sah auf ihn hinunter. „Dann alles Gute. Und viel Glück.“

„Wer bist Du?“

Sie lachte ein helles, freundliches Lachen und hob die Hand zum Abschied. „Wir werden uns wiedersehen, Philip Barningfeld. Ich bin sicher, wir sehen uns wieder. Bis dann.“ Und sie verschwand in der Dunkelheit zwischen den Bäumen, schnell und leise wie ein Schatten.

Er sah ihr lange nach und versuchte zu verstehen, was sie gesagt hatte. Philip merkte, dass die Kälte verschwunden war. Erstaunt stellte er fest, dass auch der Graben nicht mehr da war. Er saß nun auf einem Boden aus fest gestampften Lehm, den Rücken an eine steinerne Wand gelehnt, die kein Dach trug. Um ihn lagen Schutt und Trümmer. Zu seiner Rechten führte eine Treppe in die zweite Etage der Ruine, in die der Graben sich verwandelt hatte. Jemand kam die Treppe herunter. Es war Stephan. Philip stand erleichtert auf und ging ihm entgegen. Sie umarmten sich und Stephan fühlte sich kälter an als die Winterluft im Graben.

„Wo warst Du?“, fragte Stephan.

„Ich weiß nicht. Anderswo. Ich habe Euch gesucht.“

Stephan nickte. „Ich Dich auch. Gut, dass wir uns nicht wirklich verlieren können. Kommst Du mit mir? Ich möchte Dir was zeigen.“

Sie gingen zusammen die Treppe hoch, die sich über die zweite Etage hinaus in den wolkenverhangenen Himmel schraubte, an den Resten eines zerschlagenen Wehrturms entlang. Schließlich kamen sie auf eine Plattform und Philip ließ den Blick über die Landschaft unter ihm schweifen. Sie musste einmal schön gewesen sein. Nun war sie zerhackt, verstümmelt und zerstört. Schützengräben und Einschlagtrichter, zerfetzte Bäume und Ruinen von Gebäuden, Haufen von Holz und Stein deren frühere Bedeutung gänzlich ausgelöscht war, dazwischen einzelne Inseln verbliebenen Friedens, zufällige kleine Wiesen, ein Wäldchen inmitten gewaltiger Moränen aus Dreck und Schlamm. Die Ufer eines Flusses waren verwischt und ausgefranst, braunes Wasser gluckerte über fett glänzenden Morast und fing sich in Löchern und Gräben. Mitten im Fluss lag eine große Maschine, halb versunken im Schlamm und rauchend. Sie ähnelte einer auf die Seite gekippten Galeere, aber Philip sah, dass es kein Schiff war, die aufgerissene Seite entlang zog sich ein Raupenfahrwerk. Und über all dem die düsteren, schweren Wolken.

„Willst Du“, sagte Stephan, „dass es so kommt? Du musst mir helfen, ihn aufzuhalten. Wir müssen ihn aufhalten. Um jeden Preis.“

„Ja“, sagte Philip und sah schaudernd auf das geschundene Land unter ihm.

„Um jeden Preis“, bekräftigte Stephan noch einmal. „Und ich will meine Rache.

Um…

Jeden…

Preis…“

Stephans Stimme schien sich zu entfernen und Philip hatte das Gefühl, er würde zu der bleigrauen Wolkendecke empor gezogen, er durchstieß sie und…

„Um…“

„Nichts ist so wie es scheint.“

Jeden…“

„Glaube an nichts und Niemanden.“

„Preis…“

„Wenn sie stark ist, wird sie Dich retten. Vertraue auf nichts anderes.“

„Um…“

„Philip!“

„Jeden…“

„Hey, bist Du wach?“

„Preis…“

„Britt?“ Er schlug die Augen auf. Sie lächelte ihn an, besorgt.

„Wie geht es Dir?“

Er setzte sich auf und lehnte sich an sie. Sein Kopf schmerzte, und er fühlte sich klebrig und verschwitzt.

„Es geht. Ich habe ein bisschen Kopfschmerzen. Und ich fühle mich beschissen. Und eklig.“

Sie drückte ihn an sich. „Hast Du schlecht geträumt?“

„Total wirr.“

„Du hast die ganze Zeit vor Dich hin gesprochen.“

„Echt? Was habe ich denn gesagt?“

„Keine Ahnung. Du hast leise gesprochen.“

Sie seufzte und streichelte ihm durchs Haar. „Egal, Hauptsache, Du bist wieder wach. Das war ziemlich gruselig.“

„Tut mir leid, wenn ich Dir Sorgen gemacht habe.“

Sie lachte leise. „Dafür bin ich da, Philip. Ich liebe Dich.“

FORTSETZUNG FOLGT

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