Das Museum Essentieller Artefakte – Ein Dachziegel

Stimmt, Lebkuchenhexen kommen in Sarahs Erzählungen des öfteren vor. Und meist brechen sie irgendwie mit ihrer Tradition. 😉

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Ich stelle grad fest – es gibt ein paar durchgängige Themen bei mir, die immer wieder in diesen Geschichten auftauchen. Vor allem Tee, Attila der Hunne und Lebkuchenhexen. Grad für letztere hab ich irgendwie ein Fleckerl im Herz reserviert.

Ausstellungstück 90091

Ein Dachziegel aus zuckerfreiem Kaugummi

Gehörte zum Haus von Innocentia Maleficentia Milberg. Sie war Sproß einer langen Reihe von Lebkuchenhexen, entwickelte aber in frühen Jahren Diabetes Typ B und war gezwungen, sich nach Alternativen umzusehen. Der Erfolg ihres neuartigen Kinderlockmittels war allerdings bescheiden und sie wäre beinahe als die einzige Lebkuchenhexe in die Geschichte eingegangen, die je den Hungertod gestorben ist.

Glücklicherweise verirrte sich eines Tages eine junger Zahnarzthelfer in ihren Wald und fand sie völlig entkräftet vor ihrem Häuschen liegen. Angetan von den strahlend weißen Gebiss des jeweils anderen verliebten sie sich auf der Stelle ineinander und heirateten kurze Zeit später. Auf seine Ermutigung hin absolvierte sie ein…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 64 – Der Ruf, Teil 39

Kommt ein wenig näher, ich erzähle weiter aus der Geschichte vom „Ruf“. Der Hohepriester macht seinen nächsten Zug, derweil findet Philip sich bis zum Hals in Dilemmata wieder:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35

Der Ruf – Teil 36 Der Ruf – Teil 37 Der Ruf – Teil 38


Der Ruf – Teil 39



2

AUFSTELLUNG

Im Garten, gegen 4.40 Uhr

Die letzte Wespe kroch aus seinem Mund und er erhob sich gestärkt. Er hatte, durch Myriaden Facettenaugen blickend, erstaunt gesehen, wie gleichmütig die beiden in der hölzernen Hütte das Unvermeidliche hingenommen hatten. Diese Haltung hatte ihm ebenso imponiert, wie er das Geschrei, die sinn- und verstandlosen Fluchtversuche der anderen verachtet hatte. Die Frau und der Mann in der hölzernen Hütte hatten erkannt, dass es würdelos gewesen wäre, kreischend ein Spektakel zu veranstalten und hatten das Ende erwartet, ohne ihre Selbstachtung zu verlieren. Er hatte es honoriert, indem er nicht mit ihnen gespielt hatte.

Der Hohepriester stand am See in Christophs Körper, genoss die leichte Brise, die das beginnende Tageslicht mit sich gebracht hatte, genoss die neue Kraft, die ihn durchströmte. Er hatte keine Augen für Michaels aufgedunsene Leiche, die aus dem flachen Wasser am Ufer ragte oder für Khans toten Körper im Sand, nur wenige Meter entfernt. Sie waren gestorben, sie waren nun leer.

Der Hohepriester prüfte seine Kraft und war es zufrieden.

Gut.

Die kleinen Diener würden ihm nun keine Nahrung mehr bringen müssen, von nun an war er in der Lage, sich selbst zu nehmen, was er brauchte. Sie nun nicht mehr für ihn sein als Schutz und Waffe. Das machte es einerseits einfacher, andererseits aber auch komplizierter. Er konnte nicht mehr dulden, dass sie einen von jenen töteten, er brauchte alle Kraft, die er aus den letzten Verbliebenen würde saugen können, ohne Verlust. Doch reichte seine Macht noch nicht aus, sie alle gemeinsam anzugreifen. Er würde sie einzeln töten. Und dann würde er diesen Ort verlassen und seine Suche beginnen – nach Spuren dessen, was vor vielen Jahren geschehen war und nach neuen Möglichkeiten, die Meister des großen Krieges zu rufen.

Doch zunächst musste er sich denen in der steinernen Hütte widmen. Einen von ihnen erbeuten, Kraft sammeln, einen weiteren erbeuten.

Er musste listig sein.

Der Körper, der einmal Christoph gehört hatte, ging staksend den Weg zum Garten hinauf.

Im Haus, gegen 5.00 Uhr

Als Philip fertig war, herrschte eine lange Weile Stille. Schließlich sah Maike ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und Besorgnis an.

„Das glaubst Du doch selber nicht, oder?“

Philip sah in die Runde, Britt sah sehr nachdenklich aus, in Bastians Augen fand er blanke Angst.

„Doch“, sagte er, indem er auf das Buch tippte, ohne es zu merken, „doch, ich glaube daran. Und, Maike – glaub mir, es fällt mir nicht leicht.“

Er hatte sie geweckt, als Stephan sich in seinem Innerem zurückgezogen hatte. Es war grässlich, seinen Körper mit dem Toten zu teilen, unwirklich und doch auf schrecklich reale Weise falsch. Philip wusste, dass er etwas Widernatürliches zugelassen hatte, etwas, aus dem nach menschlichem Ermessen nichts Gutes erwachsen konnte. Und doch: Es war die einzige Chance, die er sah.

Nur mit Stephan, mit dem Wissen und den Kräften, die der Tote ihm voraus hatte, würden sie dieses Wesen besiegen können. Philip war nicht klar, wie genau Stephan das anstellen wollte, aber er vertraute ihm. Teils, weil er die übermenschliche Rachsucht des Geistes gespürt hatte – und teils, weil es immer noch sein bester Freund war. Es gab doch Bande, die auch der Tod nicht zerschneiden konnte, oder?

Also hatte er die anderen geweckt und begonnen, zu erzählen. Er hatte Stephan nicht erwähnt, er hatte einfach nur erzählt, dass er im Buch die Erklärung für alles gefunden hatte, was passiert war – und die Möglichkeit, es zu beenden. Er hatte von dem Geist aus der Zeit erzählt, den Christoph gerufen hatte, von den Toren und schließlich, dass sie den Geist besiegen mussten, ihn aus Christoph herauspressen. Das war der heikelste Punkt gewesen, denn er hatte selbst keine Ahnung, wie das passieren sollte. Er vertraute darauf, dass Stephan im richtigen Moment wissen würde, was zu tun sei. Er hatte einfach an diesem Punkt seine Erzählung beendet und gewartet, wie die anderen reagieren würden. Maike hatte als erste gesprochen – er hatte ihre Reaktion vorausgesehen.

„Ich habe selber zuerst gedacht, ich wäre verrückt“, fuhr Philip fort. „Und vielleicht bin ich es auch. Wenn Ihr irgendeinen Fehler in dem findet, was ich herausgefunden habe – oder herausgefunden zu haben glaube – dann sagt es mir bitte. Ich weiß selber, was das für eine Geschichte ist. Aber, angesichts dessen, was passiert ist, finde ich sie logisch.“

„Logisch?“ Maike runzelte die Stirn.

„Na ja…“ Er wies mit einer entwaffnenden Geste in die Runde.

Sie schüttelte den Kopf, aber Philip merkte, dass ihr Widerstand erlahmte.

„Und das hast Du alles aus dem Buch?“, fragte Britt.

Vorsicht! Sie sollen nicht…‘

Er brachte die Stimme mit einem scharfen Zucken seines Kopfes zum Schweigen und sah, dass Britts Augen sich verengten.

„Ja“, sagte er, und nickte mit einem offenen Lächeln. „Du warst doch dabei, Britt. In dem Schuppen. Weißt Du noch, wie Christoph…“

„Ja, ich weiß das alles noch. Ich…“ Sie schluckte. „Egal. Ich erinnere mich gut. Aber…“ Sie sah ihn nachdenklich an.

„Was ist?“

Britt schüttelte den Kopf. „Nichts. Es ist nichts.“

„Britt, es kann immer noch sein, dass ich völlig durchgedreht bin. Dass ich mir da was zusammenreime. Also wenn Du eine Idee hast…“

Tief, tief in seinem Herzen hoffte er, sie würde etwas finden. Etwas, das ihm bewies, dass er sich doch geirrt hatte, dass er sich all das, Buch, Stimme, Geist, nur eingebildet hatte. Er hoffte es aus voller Seele, alles war besser als das, was er für die Wahrheit hielt. Doch Britt tat ihm den Gefallen nicht. Sie sah ihn mit liebevoller Resignation an und strich über seinen Arm. Die Berührung vertrieb für einen Moment die Kälte in seinem Inneren.

„Nein, leider nicht. Ich habe keinen Fehler in Deiner Geschichte gefunden. Das macht mir ja solche Angst.“

„Du meinst“, sagte Bastian und seine Stimme zitterte dabei, „Du meinst, da draußen ist… irgend was und es kommt, um uns alle zu töten?“

Maike warf ihrem Mann einen Blick voll Mitleid zu.

„Ja, das meine ich“, sagte Philip.

Bastian wandte seinen Blick zur Terrassentür und sah starr hinaus.

Maike setzte sich neben ihm auf den Boden und legte den Arm um ihn.

„Und wie genau willst Du mit diesem… diesem Ding in Christoph fertig werden?“

„Wir müssen es aus ihm herausbekommen.“

„Wie das?“, fragte Britt.

Philip wurde unsicher. „Ich… in dem Buch…“

Ihr müsst ihn einfangen. Ihn bewusstlos schlagen. Und den Geist aus ihm heraus zwingen!‘

„Wir müssen ihn irgendwie überwältigen. Und dann den Geist aus ihm herausholen“, sagte Philip, doch gleichzeitig wusste er, dass es nicht stimmte. Stephan log. Er hatte etwas anderes vor, etwas, von dem er nicht wollte, dass die anderen es erfuhren. Warum?

„Wie – heraus zwingen?“, wollte Maike wissen.

Mit Beschwörungsformeln. Formeln aus dem Buch!‘

‚Das stimmt nicht’, dachte Philip. ‚Du lügst, warum…‘

Später, Philip. Vertrau mir. Jetzt ist es nur wichtig, dass sie Dir glauben.‘

„Philip?“, sagte Britt. „Alles in Ordnung?“

„Was? Oh, ja, ich habe nur kurz nachgedacht. Es ist kompliziert. Es gibt Formeln in dem Buch. Formeln, die ihn heraus zwingen.“

Britt wirkte überhaupt nicht glücklich. „Haben wir mit Formeln aus dem Buch nicht schon genug angerichtet.“

Philip lachte bitter, und es war nicht gespielt. „Oh, ja das haben wir sicher. Aber weil wir mit dem Buch Scheiße gebaut haben, können wir sie auch nur durch das Buch wieder aus der Welt schaffen. Glaube ich zumindest.“

Gut. Sehr gut.‘

„Aber selbst wenn es so ist“, warf Maike ein und grinste bitter, „und im Moment ist das unsere einzige Hoffnung, verrückt oder nicht, also, selbst wenn es so ist, was machen wir, wenn das Wesen wieder aus Christoph raus ist?“

„Er wird verschwinden“, improvisierte Philip.

„Wie kommst Du darauf?“

„Er braucht Christoph. Christoph hat ihn mit der Formel gerufen und ihn in sich gelassen. Wenn er wieder aus ihm raus ist, ist er machtlos. Es hängt alles an dieser Beschwörung, die ihn in Christoph hält.“

Wieder kehrte Stille ein. Die Frauen beobachteten Philip scharf und überlegten, während Bastian zitternd aus dem Fenster starrte.

„Gut“, sagte Maike schließlich. „Gut, ich denke immer noch, es klingt unglaublich verrückt, aber es ist unsere einzige verbliebene Hoffnung, und Du hast recht – sie hat etwas Logisches. Was meinst Du, Britt?“

Britt nickt, wenn auch mit weniger Überzeugung. „Ja. Wir sollten es versuchen. Was bleibt uns sonst?“

„Was schlägst Du als nächstes vor?“, fragte Maike und sah Philip an.

„Wir müssen warten“, sagte der. „Christoph – ich meine dieses Ding in ihm – muss den nächsten Schritt machen. Die Insekten kommen hier nicht rein. So kommt er nicht an uns ran. Er wird selbst kommen müssen. Und dann müssen wir ihn besiegen. Schnell, damit die Insekten ihm nicht helfen können. Wir sind ein bisschen im Vorteil, er kann nicht durch die Terrassentür kommen, die haben wir verriegelt. Er muss vorne rein, da hören wir ihn.“

„Wenn er nicht einfach durch das Glas bricht“, meinte Britt.

Philip schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass er Christophs Körper beschädigen wird, ohne Not. Er hat nur den einen.“

Also warteten sie. Maike rollte sich wieder in ihren Schlafsack, während Bastian weiter angstvoll aus dem Fenster starrte. Britt und Philip lagen auf dem Sofa, streichelten und küssten sich. Schließlich zog sie ihn von der Couch und dahinter. Philip erschrak. Er wollte das nicht, nicht mit Stephan.

„Britt, ich weiß nicht ob ich will, dass…“

„Oh.“ Sie lächelte traurig, „Ich weiß aber sehr genau, wie sehr ich will. Trotzdem – nicht so lange die da zugucken.“ Sie wies mit dem Kopf in Richtung Terrassentür, auf der von außen wieder viele Insekten herumkrochen.

Er streichelte zärtlich ihr Haar. „Wir haben noch viel Zeit.“

„Ja?“ Sie sah ihn an. „Was verheimlichst Du uns, Philip?“, sagte sie sehr leise.

Er dachte nicht einen Moment daran, zu leugnen, es hätte auch keinen Sinn gehabt.

„Es… gibt noch etwas, das ich Euch nicht sagen kann. Etwas, dass uns helfen kann, dieses… dieses Wesen zu besiegen.“

„Es wird nicht so einfach sein, nicht wahr? Fangen, fesseln, Formel sprechen, Schluss.“

„Nein. Nicht ganz so einfach. Aber es wird klappen.“

„Kannst Du es mir nicht sagen?“

„Noch nicht. Du musst mir bitte glauben, dass ich weiß, was ich tue.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Weißt Du es selbst?“

‚Nein‘, dachte Philip, ‚gar nichts weiß ich.‘ Laut sagte er: „Ich denke schon. Ich hoffe es.“

„Okay“, sagte sie, „ich hoffe, Du weißt es wirklich.“ Sie seufzte und zog ihn an sich. „Du fühlst Dich kalt an, Lieber. Komm, ich wärme Dich.“

Philip ließ sich in Britts Umarmung sinken und lauschte angstvoll auf die Stimme in seinem Inneren. Doch Stephan schien verschwunden. Zumindest hatte er noch den Anstand, ihn in diesem Moment in Ruhe zu lassen.

FORTSETZUNG FOLGT

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Das Museum Essentieller Artefakte – Die Kellnerangel

Da kann ich jetzt mal aus Erfahrung sagen: DIESES ARTEFAKT HÄTTE ICH GERNE!
Ich bin seit etwa fünf Jahren regelmäßig in Wien, meine Wiener Kaffeehauserfahrungen sind also ziemlich modern. Und – das sei gleich gesagt – ich LIEBE Wiener Kaffeehäuser (zumindest die, die ich inzwischen regelmäßig frequentiere), weil man da wirklich in Ruhe gelassen wird. Auch, wenn die Tasse schon eine Stunde leer ist. Dieses deutsche „Darf’s noch etwas sein?“, das impliziert: „Und wenn nicht, zahl und geh!“ gibt es da nicht. Sie haben sogar einen Schimpfsatz dafür, den ich aber vergessen habe.
Die Kehrseite: Auch wenn man noch etwas haben möchte, ignorieren sie einen sehr gerne und ausgiebig. Dass sie dabei auch klischeehaft grantig sind habe ich tatsächlich nur einmal erlebt – aber ignoriert werde ich mit Innbrunst. Daher würde ich mir manchmal eine Kellnerangel wünschen.

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Ausstellungsstück 983:

Gut erhaltene Wiener Kellnerangel

Die Kellnerangel war ein im 18. und 19. Jahrhundert weit verbreitetes Gerät, um mit der traditionellen Wesensart des Wiener Kaffeehauskellners umzugehen. Da diese vom Lehrlingsalter darauf trainiert werden, Gäste möglichst lange und vehement zu ignorieren (oft mit dem Schlachtruf: „Fragen’S den Kollegen! Das is ned mei Tisch!“), mussten hungrige Gäste oft außergewöhnliche Wege gehen, wenn sie doch irgendwann an ihr Essen und noch später an die Rechnung kommen wollten.

Die Wiener Kellnerangel besteht aus einer auf mehrere Meter ausfahrbaren Stange, an deren Ende ein Haken angebracht ist. Mit diesem onnte man mit einigem Geschick in den gesteiften Kragen des Kellners einhaken und ihn dann zum Tisch zerren. Dort wurde er in der Regel von mehreren Gästen mit vereinten Kräften so lange festgehalten, bis er die Bestellung aufgenommen hatte, ob er wollte oder nicht.

Nachdem es dabei aber immer wieder zu Verletzungen auf beiden Seiten…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 63 – Der Ruf, Teil 38

Wieder ein Sonntag, und wer das 7er-Einmaleins noch im Kopf hat kann leicht ausrechnen: Heute gehen die Quarantänegeschichten in ihre 10. Woche. Am 15. März haben Sarah und ich begonnen, Euch in unseren jeweiligen Blogs Geschichten zu erzählen, weil es das ist, was Geschichtenerzähler*innen seit jeher machen: Den Clan in eine andere Welt entführen, wenn ein wenig Entführung gut tut. Sarah hat zunächst Geschichten für Kinder erzählt und dann, als diese zu Ende erzählt waren, mit ihren Kalendergschichten begonnen, die sie bis heute erzählt – derzeit aus dem Katalog des Museums Essentieller Artefakte. Ich habe zunächst einige Kurzgeschichtenzum Besten gegeben – veröffentlichte und unveröffentlichte – und dann begonnen, einen meiner Romane als Fortsetzungsgeschichte zu erzählen. Davon hört Ihr heute den 38. Teil.

Seither ist eine Menge geschehen. Im März waren wir in Deutschland und Österreich noch bei (im negativen Sinne) rasanten Reproduktionszahlen in der COVID-19-Krankenstatistik und mussten befürchten, Dinge zu erleben wie in Italien. Ich sage ganz bewusst „Dinge zu erleben“, nicht „Bilder zu sehen“. Ich kenne Personen, die an COVID-19 erkrankt waren und inzwischen wieder genesen sind, ich kenne mehrere – auch junge – Menschen in Risikogruppen, darunter meine Schwester und ich selbst. Uns geht es allen gut, ich warte derzeit auf das Ergebnis eines Antikörpertests. Aber wie gesagt: Damals wussten wir noch nicht, wie gut das alles – zumindest bisher – abgehen würde. Wir hatten nur die Hoffnung, weil wir sahen, dass unsere Länder schnell reagierten und die Mehrheit der Menschen sich klug und solidarisch verhielt. Und das Ergebnis dieses Verhaltens: Bisher blieb eine Katastrophe aus.

Muss ich etwas über die Menschen sagen, die glauben, nur weil die Katastrophe ausblieb, dass es nie eine hätte geben können? Die von Verschwörung und Diktatur faseln? Muss ich nicht, oder? Ich denke, dass diese realitätsblinde und geschichtsvergessene Minderheit eben das ist – eine Minderheit, aber laut. Wer glaubt, die Katastrophe hätte nicht passieren können, dem empfehle ich, sich mal mit der Geschichte von Pandemiene zu beschäftigen. Sie sind häufig in der Geschichte der Menschheit. Und sie sind gnadenlos. Dazu braucht es keine Verschwörungen, sie begleiten uns buchstäblich seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte. Wir sind bisher verdammt glimpflich davongekommen.

Wer wirklich glaubt, in einer Diktatur zu leben, dem empfehle ich den Selbsttest: Sagen Sie öffentlich irgendwo, wo Sie sicher sein können, dass die Regierung oder ihre Organa davon Kenntnis erhalten: „Wir leben hier in einer Diktatur und ich werde dagegen Widerstand leisten.“ Wenn Sie am nächsten Morgen unversehrt in ihrem Bett aufwachen – und das über eine Woche, etwas Zeit müssen Sie den Schergen geben – dann ist es keine Diktatur. Und Sie sind nur ein verwöhnter Bewohner auf der privilegierten Seite des Globus, der keine Ahnung hat, wie gut es ihm geht.

Und jetzt zur Geschichte:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35

Der Ruf – Teil 36 Der Ruf – Teil 37


Der Ruf – Teil 38

Im Haus 4.30 Uhr

Philip legte das Buch wieder auf den Tisch, es misstrauisch beäugend, aber es bewegte sich nicht mehr. Er lehnte sich auf dem Sofa zurück und versuchte zu verstehen, was er gerade gelesen hatte. Was das Buch ihm zu lesen gegeben hatte. Er bemühte sich, nicht darüber nachzudenken, wie das Buch ihn auf diese Stelle aufmerksam gemacht hatte, er hatte genug Probleme. Eines davon war die Frage, die sich langsam aus den unteren Schichten seines Geistes nach oben bohrte:

War er dabei, verrückt zu werden?

Er hatte Geräusche gehört, wo die anderen offenbar nichts gehört hatten.

Er hatte gesehen, wie ein Buch sich von selbst auf geblättert hatte.

Und nun diese Textstelle…

Er schüttelte den unangenehmen Gedanken ab, er brauchte nur einen Blick aus dem Fenster zu werfen, um jegliche Grenze von Vernunft und Irrsinn nachhaltig zu verschieben. Der Text, den er gerade gelesen hatte war dagegen weniger eine weitere Ansammlung hanebüchenen Irrsinns, als eine willkommene Erklärung. Oder zumindest das, was einer Erklärung am Nächsten kam.

Christoph hatte tatsächlich einen gerufen, „der Wissen hat“, denn so lautete die Überschrift des Abschnittes, dem die Beschwörungsformel entnommen war. Das Buch hatte genau diesen Abschnitt aufgeschlagen und im Nachhinein war es nicht verwunderlich, dass Philip ihn überlesen hatte. Er war gut versteckt zwischen einer langen mathematischen Abhandlung und einem Gedicht aus der Feder eines offenbar Irren mit starken Wortfindungsstörungen. Die Überschrift war, wie der gesamte Text der Seite, ziemlich blass und durch Wasserflecken zusätzlich beschädigt. Dennoch hatte er sie mit einiger Mühe lesen können:

Der Ruv, der eynen fyndet, der Wissen hat.“

Offenbar hatte Christoph aber die darauffolgenden Zeilen nicht gelesen, oder, was kaum weniger schlimm war, nicht ernst genommen. Denn Darius warnte eindringlich davor, sich mit einem solchen Wissenden abzugeben:

Wisse aber, Du, der Du eyfrig die Kunst der Wege vnd Toire erlernest, dasz di Meyster diser Kunste, di vil wissen, ser frempdartig vnd gefahrlich sind. Sey also selpst eyn ser machtiger Meyster, ehe Du so jemanden herbeyruvst. Dump ist der Scholasticus, der trotzig anfanget, Worte nachtzusprechen, mit deren Folgen er nimals umgehen kann. Seyn Schicksal wird grauenvol seyn, doch traget er selpst di Schuld, vnd jch weyne im keyne Trane nach, wenn er als tote und geystlose Hulle zum Leibeigent dessen wird, der uber ihn kompt weyl er den Ruv gehoret hat. Mache Dir also klar: Du kannst ni wyssen, wen der Ruv erreycht vnd wer dann durch das Toir kompt, das Du auvgestoszen haszt. Wirst Du jedes Herr, egal in welcher Gestalt er kompt vnd egal welche Macht in seynem Schatten folget? Pruve Dich genau vnd uberlege genau, was Du da machst.“

Deutlicher konnte man es wohl nicht sagen. Und dass Darius von Delft wenig Mitleid mit dem dummen Scholasticus hatte, half jetzt auch nicht weiter. Hätte der verdammte Idiot den Mist, den er da angeschleppt hatte, nicht ein bisschen genauer durchlesen können?

Andererseits – hätte er sowas noch vor zwei Tagen ernst genommen? Hätte er es nicht vielmehr für aufgeblasenen Schwachsinn gehalten, geschrieben, um noch mehr aufgeblasenem Schwachsinn eine gewisse Tiefe zu verleihen?

Vielleicht. Aber er selbst wäre auch nicht auf die Idee gekommen, das Buch für irgendwelche Séancen zu verwenden. Entweder, man glaubt an den Mist, oder eben nicht. Wenn ich aber an den Mist glaube, dann bitte auch wirklich an den ganzen Mist und nicht nur an die Sahnestückchen. Wenn ich schon der Meinung bin, Geisterbeschwörungen abhalten zu müssen, dann nicht, ohne mich vorher mit dem Geist auseinanderzusetzen, der da kommen könnte. Philip Zorn auf Christoph blieb. In solchen Dingen war Unwissen kein Entschuldigungsgrund, sondern eine Sünde.

Offenbar, soviel hatte er den Erklärungen entnommen, handelte es sich bei denen „die Wissen haben“ um Menschen – oder anderen Geschöpfen, Darius machte hier einige kryptisch Andeutungen – die von Boten höherer Wesen unterrichtet worden waren, um Tore zu einem Krieg eben dieser höheren Wesen zu öffnen. Der Toröffner erhielten reichen Lohn – oder zumindest wurde sehr vage so etwas versprochen. Der „der Wissen hat“ musste hierzu nicht nur sehr bewandert in der Kunst der Wege und Tore sein, sondern auch völlig skrupel- und gewissenlos. Denn der Einbruch dieser Götterwesen bedeutete stets den Untergang von allem, was vorher gewesen war. Mit dem Öffnen des Tores richtete der Wissende seine gesamte Welt zu Grunde – um den Preis seines eigenen Lohnes. Und so jemanden hatte Christoph gerufen – einen Schwarzmagier, der bereit war, ganze Welten seinen Zielen zu opfern.

Philip fragte sich wieder, ob er an all das wirklich glaubte. Die Antwort, wie er sich selbst zögernd zugab, war: Ja. Nichts von dem, was er wusste und bisher geglaubt hatte, war in der Lage, eine hinreichend Erklärung für das zu liefern, was ihm in den vergangenen Stunden widerfahren war. Und wenn er nicht davon ausgehen wollte, dass die Regeln der Logik sich geändert hatten musste er eben sein Wissen und seinen Glauben in Frage stellen. Dieses Buch hier, das krude Werk eines verrückten Holländers, lieferte Ursache und Erklärung für den apokalyptischen Wahnsinn, der sie einen nach dem anderen umbrachte.

Philip.‘

„Was ist, Liebes?“ Er sah zu Britt und stellte erstaunt fest, dass sie immer noch schlief. Ihr blondes Haar fiel ihr wirr und verschwitzt über Gesicht, Schultern und Hände. Wenn sie nicht wäre, er hätte vielleicht schon vor Stunden aufgegeben. Aber…

Philip.‘

Er sah sich um, erstaunt, weil er wieder glaubte, eine Stimme gehört zu haben. Aber Britt schlief und…

Philip, ich bin’s‘.

„Wer, ich?“, flüsterte Philip und kam sich verdächtig seltsam dabei vor. Vor so etwas hatte er sich die ganze Zeit gefürchtet. „Wer?“

Ich. Stephan.‘

Philip stöhnte und sank an der Sofalehne zusammen. Ja, er hatte befürchtet, dass es passieren würde. Jeder hatte seinen Bruchpunkt und er hatte seinen eigenen bisher noch nicht kennen gelernt. Aber er hatte es sich niemals so vorgestellt. Nicht so. Er hatte nicht gedacht, dass man sich so entsetzlich klar dabei beobachten konnte, wie man den Verstand verlor. Er hörte Stimmen. Eine Stimme, noch. Und er hatte gesehen wie das Buch sich bewegte, und bis vor wenigen Minuten war er überzeugt gewesen, dass es sich wirklich bewegt hatte. Philip vergrub den Kopf in den Händen und fühlte Tränen in seinen Handflächen. So war es also? So? Hatte Sabine das selbe gehört, Stimmen toter Freunde? Waren es diese Stimmen gewesen, die Sascha aus der Sauna getrieben hatten? Er weinte, voller Zorn über seine eigene Schwäche. Wie lange würde es dauern, bis er völlig verfallen wäre? Bis er den anderen nur noch Last wäre, ein brabbelnder Lappen, eine tödliche Gefahr für Maike und Bastian und für Britt?

„Oh Gott“, murmelte er.

Philip, bitte hör mir zu.‘

‚Den Teufel werde ich‘, dachte er. ‚Nicht, so lange ich noch etwas dagegen tun kann.‘

Ich bin wirklich. Hör mir zu.‘

Philip reagierte nicht, zwang sich zu ruhigem Atmen und sah Britt an. Ihr süßes Gesicht, die wild verstrubbelten Haare. Er musste sich auf sie konzentrieren, die ihn brauchte, so wie er sie brauchte.

Britt, Britt, Britt.

Philip, bitte. Vertrau mir. Ich bin wirklich. ‘

‚Wie geht es Kat?‘, dachte er und lachte böse. Zu seinem Erstaunen antwortete die Stimme lange nicht, so lange, dass er schon glaubte, sie los zu sein. Dann aber hörte er sie wieder und sie war schmerzvoll.

Tot und fort. Er hat sie mir weggenommen. Sie ist fort. Aber ich bin noch da.‘

‚Warum?‘, dachte Philip und merkte verzweifelt, dass er verloren hatte, dass er mit der Stimme seines toten Freundes in seinem Kopf sprach. Aber er konnte nicht anders.

Ich weiß es nicht. Ich will nicht hier sein. Aber ich kann nicht fort.‘

Ein Moment Pause, dann, kalt und leise:

Ich muss sie rächen. Ich will. Ich will ihn vernichten. Ihn töten. Jaaa – Töten.“

Philip schauderte, aber er konnte die nächste Frage nicht zurückhalten. ‚Wen? Christoph?‘

Ein Lachen antwortete, dass er sofort als Stephans erkannte, aber es war nicht, wie er es gekannt hatte. Es war kalt und bitterböse. Dann:

Hast Du nicht gelesen, was ich Dir zu lesen gegeben habe, Philip? Oh, ich hatte viel Zeit zu lesen. Und ich hatte viel Zeit zu sehen. Ich hatte die Ewigkeit. Christoph ist nicht mehr. Ein anderer beherrscht seinen Körper, kannst Du Dir nicht denken, wer es ist? Hast Du nichts verstanden?

‚Der, der Wissen hat?‘

Stephans Lachen hallte in Philip Geist wieder.

Der, der Wissen hat. Du hast also verstanden. Er ist mächtig, Philip, viel, viel mächtiger als Du Dir denken kannst. Mächtiger als ich. Und er wird stärker. Er nährt sich von Euch, weißt Du?‘

‚Wie meinst Du das?‘

Die Insekten. Aber es dauert nicht mehr lange, dann wird er sie nicht mehr brauchen. Er wird kommen, Philip. Er wird kommen und Euch alle töten. ‘‘

‚Und‘, hörte Philip sich denken, ‚wird es ihm gelingen?‘

Die Stimme zögerte. ‚Möglich. Und dann ist Deine Geschichte zu Ende und in den anderen wirst Du nicht mitspielen. Und ich werde meine Rache nicht haben. Und ich will meine Rache.‘‘

Die Stimme hatte einen hungrigen Ton angenommen, der Philip frösteln ließ. Er hatte akzeptiert, dass Stephan Geist zu ihm sprach.

‚Was können wir denn tun, wenn er sowieso viel mächtiger ist als wir?‘

Die Stimme lachte zufrieden und etwas wie freundschaftliche Wärme kehrte darein zurück. Falsche Wärme, wie Philip ahnte. Was auch immer da mit ihm sprach, war tot, und trotzdem wünschte er sich so sehr, Stephan möchte noch leben, dass er sich über diesen neuen Ton freute.

Wir können uns einen Vorteil verschaffen. Er verbraucht einen Großteil seiner Macht darauf, das, was einmal Christoph war, zu beherrschen. Wenn wir beide unsere Kräfte vereinen, könnten wir ihm überlegen sein. Und wenn es nur für den einen, entscheidenden Augenblick ist. Was sagst Du?‘

‚Wie, was sage ich? Wozu?‘

Lässt Du mich herein? Freiwillig?‘

‚Wo rein?‘

In Dich.‘

Einen Moment lang war Philip versucht, einen zotigen Witz zu machen, dann begriff er, worum der Geist seines Freundes ihn bat. Alles in ihm lehnte sich entsetzt auf.

‚Auf keinen Fall!‘

Warum nicht? ‘

‚Auf keinen Fall! Was… was bedeutet das? Ich will…‘ Ihm wurde fast schlecht bei dem Gedanken. ‚Ich will ich selbst bleiben.‘

ER wird Dich töten, wenn wir uns ihm nicht gemeinsam entgegenstellen. Wovor fürchtest Du Dich? Ich will nur dieses… dieses Ding vernichten. Und dann will ich nichts, als endlich auch gehen. Ich will hier weg, Philip.‘

Philip antwortete nicht.

Bitte Philip. Vertrau mir. Würdest Du mir nicht vertrauen, wenn ich noch leben würde? Wenn ich vor Dir stehen würde so wie… wie vorgestern? Lass es uns gemeinsam angehen, ein letztes Mal. Du wirst leben, Britt wird leben, und ich kann endlich zu Kat. Bitte.‘

Philip sah sich selbst, sah sich langsam nicken und versuchte, die Erinnerung an diesen anderen Stephan zu vergessen, der kalt und hungrig nach seiner Rache verlangte. Oder nicht? War es doch sein Freund, der ihn bat? Und der ihm eine Möglichkeit bot, sie alle zu retten. Vielleicht…

„Gut“, hörte er sich laut sagen. „Gut, einverstanden. Was…“

Nichts. Wehr Dich einfach nicht.‘

Er spürte eine beißende Kälte, die seinen Körper von innen zu verbrennen schien, dann, für einen schrecklichen Moment, war er körperlos, ein denkendes Nichts in einem Haufen Fleisch und Knochen, der nicht mehr ihm gehörte.

Dann war es vorbei und war wieder Herr seiner selbst. Schaudernd ballte er seine rechte Hand zur Faust und öffnete sie wieder. Sie gehorchte ihm, wie sie ihm immer gehorcht hatte.

Er fragte sich, was eigentlich geschehen war, als er die Stimme wieder hörte. Doch diesmal war sie viel näher – als wenn er selbst dächte, ohne vorher zu wissen, was er denken würde.

Sehr gut. Sehr gut.‘

Und er fühlte voll Entsetzen, wie sich seine linke Hand zur Faust ballte. Geste einer Entschlossenheit und Zuversicht, die nicht seine eigene war.

FORTSETZUNG FOLGT

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Das Museum Essentieller Artefakte – Ein Liebesbrief

Soooo viele unerzählte Geschichten in einem einzigen Katalogeintrag. Schön ❤

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

Bin heute ziemlich spät dran, weil es ein – wider erwarten – erstaunlich aufregender Tag geworden ist, mit drei verschiedenen Projekten, die alle plötzlich Samstag Abend noch Aufmerksamkeit und Chaos gebraucht haben. Happens.

Also, heute im Museum:

Ausstellungsstück 734

Ein Liebesbrief, kaum leserlich

Es handelt sich bei diesem Schriftstück um den Brief eines namenlosen Seemanns heim an seine Liebste, ein gewisses Fräulein Elise Sendling aus Simmering. Der Text ist schwer von Zeit, Tränen und Meerwasser beschädigt, unsere Experten konnten jedoch zumindest Teile wieder lesbar machen. 

18. April 1873

Liebste Elise,

heute haben wir (unleserlich) und (unleserlich) unter einem tief bewölkten Himmel. Die (unleserlich) haben getanzt, anders kann ich es nicht beschreiben. Sind immer wieder aus den Fluten aufgetaucht, haben unser Schiff mit ihren Armen liebkost wie andere eine Geliebte. Unser erster Maat ist vom Anblick wohl verrückt geworden, zumindest (unleserlich) er seit vielen Stunden. Wir stören ihn nicht weiter, versuchen…

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